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Bio Fach: Die Superlative

Naturkost ist zu einem Motor für Qualität und Genuss geworden

{mosimage}Die Produkte sind convenient, und sie sind modern. Davert aus Senden hat den Reis in den Kochbeutel gepackt. Grabower entwickelte den ersten Bio-Schaumkuss und schloss eine Lücke im Süßwaren-Sortiment. Andechser lieferte mit dem Trinkjoghurt in der PET-Flasche den "Renner des Jahres". In der Verpackung folgt Bio längst den Regeln des Marktes und nicht mehr nur dem ökologischen Credo. Produkte für jeden Lebensstil, wie den Eiskaffee in der Dose namens "Cafe Bio" von Reinhard Schweitzer aus Österreich werden geboten. Fettarme Wurst der Metzgerei Bühler aus Steinheim für die Schlankheitsfanatiker. Jedermann und jede Frau sind angesprochen.  Produkte für Kinder und Kranke, Gesunde und Genießer. Die bunte Welt der Ernährung ist komplett abgebildet. Eine Superlative der Bio-Produkt-Welt war zu erleben.

Gefühle zwischen Freude und Furcht


Und Bio-Lebensmittel sind da angekommen, wo die Mehrheit der Deutschen  einkauft: Im Discount. Der Einstieg des Edel-Discounters Plus vor Jahren mit der BioBio-Eigenmarke  wurde ignoriert, der Start von Aldi mit Kartoffeln registriert und mit dem Aufspringen von Lidl im Herbst 2005 mit Bioness die Anwesenheit des Discounter akzeptiert und auf den Fluren diskutiert. Aldi ist der erfolgreichste Bio-Kartoffelvermarkter, und die Discounter verkauften die überwiegende Anzahl der Karotten, wie die ZMP auf einer Pressekonferenz darlegte. Die Gefühle schwanken zwischen Freude und Furcht. Furcht bei Funktionären wie Bauernpräsident Gerd Sonnleitner sie in Nürnberg äußerte über Preisdruck auf die Erzeuger durch den Discount.

Freude bei Lieferanten und Verbraucher über den Discount, denn der zahlt überdurchschnittlich bei unterdurchschnittlichem VK. Die Formel niedriger VK gleich niedriger EK stimmt nicht. Denn der Discount multipliziert mit 1,3, wo andere Vertriebsschienen mit dem Faktor 1,8 arbeiten. Niedrige Handelsspanne mal hohe Drehzahl macht die Gebrüder Aldi dennoch reich. Der Vollsortimenter und Fachhandel betrachten es mit Sorge. Sind sie es doch, die um ihr Preisniveau fürchten.


Deutschlands größter Naturkost-Großhändler Dennree soll sich in diesem Zug schon Praktiken bedient haben, die eher dem konventionellen Handel zugeschrieben werden. Den Frequenzbringer Apfel wollte er zu Lasten der Lieferanten verbilligen, allerdings nicht durch Reduzierung der eigenen Spanne, sondern durch niedrige Preise für die Erzeuger. Bei denen kam das gar nicht gut an. Die Discounter zahlen überdurchschnittlich, warum sich also unter Druck setzen lassen?

Die hohe Nachfrage sorgte dafür, dass die Rohstoffe knapp geworden sind. Aus einer Übermenge an  Bio-Milch 2004 ist inzwischen eine Untermenge geworden. "2004 und 2005 lag das Umsatzwachstum bei Trinkmilch, Joghurt und Quark bei mehr als 20 Prozent. Seit Ende 2005 ist Bio-Milch in einigen Regionen sogar knapp geworden", berichtet die ZMP (Zentrale Markt- und Preisberichtsstelle).

Auch Bio-Fleisch zählt mittlerweile oft genug zu den Fehlartikeln. Das war ein Thema in den Gängen. "Wo gibt es Fleisch für Schinken?" Natürlich wurde auch die Sorge geäußert, dass gefälschte Ware angeboten werden könnte, um die Versorgungslücken zu schließen. Die Sensoren sind eingeschaltet.

Mehr Menge wird gebraucht

Die Hersteller arbeiten daran, die Mengen auszuweiten, so wie Thönes, der Großmetzger aus Wachtendonk. "Wir versuchen einen Teil unserer konventionellen Vertragsbauern zur Umstellung zu bewegen", nennt der Inhaber seine Lösung. Im Nordosten wird Weidehof Mitte des Jahres in die Bio-Schweinemast einsteigen und 3.500 Mastplätze bereit stellen, wie am Rande zu vernehmen war. 


Für die Lieferanten ist aber eines klar:  Standbein ist der Naturkostgroßhandel, zweites Bein der LEH und erst an dritter Stelle kommt der Discount. So drückte es Klaus Rehberg, Bio-Mann bei Frucht-Importeur Port aus Hamburg aus. Bei EOSTA-Geschäftsführer Volkert Engelsmann klingt es etwas anders: Präferenz haben die Triple-A-Kunden, vor den Double-A und den A. Im Prinzip ist es die gleiche Einstellung.

Das hohe Wachstum des nationalen Markts um rund 15 Prozent im Jahr 2005 und das Erreichen der vier Milliarden Umsatz-Schwelle erfüllt die Brust mit Stolz und weckt Hoffnungen auf weitere satte Steigerungen. Bio-Fachleute sprechen gar von 20 Prozent. "Die Zahlen sind vorläufig", mahnte Ökoreferent Markus Rippin zur Vorsicht. Die endgültigen Daten werden erst Mitte des Jahrs vorliegen.


"Bio hat die Nische verlassen", verkündete die ZMP als sie die Marktdaten vorlegte. Der Auftrieb in den Gängen schien es zu bestätigen. Der Auftakt am Donnerstag, der traditionell eher verhalten ist, bringt gleich Gedränge in die Flure. Der Freitag, ohnehin der stärkste Tag, lässt den Besucherstrom schwellen. Naturkosthandel, die Einkäufer des LEH und die Führungsebenen waren an den ersten beiden Tagen zugegen. "Auch der Samstag und Sonntag waren super. Da kamen viele Einzelhändler", sagte Hans-Jürgen Richter von BioGourmet.

Getragen wird der Markt inzwischen von der Wellness-Welle. Wohlfühlen mit Bio heißt die Devise. Genuss ohne anschließenden Kater oder Katarrh soll es sein. Die Lösung lautet gesunder Genuss mit Bio. Zukunftsforscher Matthias Horx gab der im Congress-Centrum Ost versammelten Bio-Gemeinde eine freundliche Vorhersage: Der Megatrend Gesundheit wird noch drei Jahrzehnte in dieses Jahrhundert hineinwirken und Bio Flügel verleihen. Solch Botschaft vernimmt die Branche gerne. Bereits Horx Lehrer Leo Nefiodow hatte 1999 für das 21. Jahrhundert in bioPress (damals noch bioFach-Magazin Nr.20/1999, S. 4-6) eine Gesundheitswelle prognostiziert: "Die Nachfrage nach unbehandelten Naturprodukten steigt kontinuierlich und sorgt heute nicht mehr nur am Lebensmittelmarkt für einen immer stärkeren Druck von unten."

Politisches Begleitkonzert neu komponiert


Die politische Begleitmusik wurde nach der Ära von Renate Künast nicht mehr in Dur gespielt. Eine Seehofer-Sonate in CSU-Moll trug Staatssekretär Gerd Müller vor. Der Minister hielt Krisensitzung wegen der Vogelgrippe. Der Staatsekretär bot den offenen Dialog an, wo die Vorgängerin noch vor, hinter und neben der Bio-Bewegung stand. Vize-Landwirtschaftsminister Jan Krzysztof Ardanowski vom polnischen "Land des Jahres" schlug andere Töne an: "Bio ist für uns eine große Chance. Die polnische Regierung fördert die Umstellung". Das Klang dem Publikum so angenehm in den Ohren, dass es tosenden Beifall gab.

Bio hat sich als Motor für Qualität und Genuss etabliert. Das haben die vier Tage in Nürnberg verdeulicht. Die Lebensmittel-Fachpresse hat ihre jahrelang geübte Zurückhaltung aufgeben und liefert jetzt eine konzertiert Bio-Berichterstattung. Auch das Echo in der Publikumspresse wird lauter.

Der LEH findet allerdings wenig Marken-Artikel. Die Mehrzahl der Produkte bleibt dem NFH vorbehalten. Die Zweitmarken, die die Naturkosthersteller oft führen,  werden nicht offensiv dargestellt. Und gerade unter den ausländischen Ausstellern sind viele Klein-Unternehmer ohne eigenen Vertrieb, die nur Private Labels herstellen können. Auch den Naturkostfachhandel hat die Private Label-Welle längst mitgerissen. Spezialitäten scheinen dagegen rückläufig zu sein. Viele Handwerksbetriebe aus Italien kommen nicht mehr, da kleine Mengen nicht gefragt sind.


"Wenn ich von der Messe-Atmosphäre auf den Markt schließe, dann dürfen sich Hersteller und Handel auf ein weiteres erfolgreiches Jahr freuen. 'Gute Abschlüsse - tolle Stimmung' war das nahezu einhellige Resümee der deutschen Aussteller", freut sich Projektleiterin Heike Slotta. Bio wächst und ist zur Superlative aufgestiegen. Die Bio Fach als Schaufenster der Branche hat es gezeigt. "Einmal mehr hat die BioFach das rasante Wachstum der internationalen ökologischen Bewegung gespiegelt und ihr gleichzeitig neue Impulse verliehen", freut sich IFOAM-Präsident Gerald A. Herrmann.

Anton Großkinsky 


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