Biodiversität in der Agrarlandschaft
Teil 1: Begriffs- und Standortbestimmung
ilu (Bonn): Die neunte Vertragsstaatenkonferenz der Konvention zum Schutz der biologischen Vielfalt wird im Mai 2008 in Bonn stattfinden. In Vorbereitung darauf wurde vom Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit im Mai diesen Jahres ein über 200 Seiten umfassender Entwurf für eine "Nationale Strategie zur biologischen Vielfalt" vorgelegt. Dies ist grundsätzlich zu begrüßen, auch wenn die Betrachtung - entgegen dem umfassenden Nachhaltigkeitsansatz - vielfach nur aus Sicht der Ökologie erfolgt. So bleiben in diesem umfangreichen Papier noch viele Fragen offen und es zeichnet sich weiterer Diskussionsbedarf ab.
In einer losen Folge von green-facts wird sich deshalb das Institut für Landwirtschaft und Umwelt (ilu) mit dem Thema Biodiversität befassen und u.a. auf folgende Fragen eingehen: Was ist unter Biodiversität zu verstehen und welche Faktoren wirken darauf ein? Ist die Biodiversität unserer Kulturlandschaft anders als die einer ungestörten Naturlandschaft? Lässt sich die heutige Biodiversität dauerhaft erhalten? Oder: Was hat das Spektrum der in der Landwirtschaft angebauten Kulturpflanzen mit Biodiversität zu tun?
Unter dem Begriff "Biodiversität" ist zum einen die Vielfalt unterschiedlicher Tier- und Pflanzenarten zu fassen. Zum zweiten gehört die Vielfalt innerhalb der Arten, also die genetische Unterschiedlichkeit innerhalb der Arten und ihrer Populationen, hinzu. (Unter Populationen versteht man räumlich begrenzt auftretende Gruppen von Individuen einer Art, die zur gleichen Zeit am selben Ort leben und sich miteinander fortpflanzen können). Den dritten Aspekt der Biodiversität bildet die Vielfalt der Lebensräume (Biotope) und Lebensgemeinschaften (HEYER u. CHRISTEN, 2005), und schließlich zählen auch alle zwischen den genannten Ebenen auftretenden Wechselwirkungen dazu.
Entstehung der Biodiversität in Deutschland: Viele Tier- und Pflanzenarten sind erst durch menschliches Handeln in Deutschland heimisch geworden. Bei Ausbleiben einer menschlichen Nutzung würde die Zusammensetzung der Tier- und Pflanzengesellschaften dagegen im Wesentlichen von Boden und Klima bestimmt. Wäre also in der Vergangenheit keine (landwirtschaftliche) Nutzung durch den Menschen erfolgt, dann würde in weiten Teilen Deutschlands bis heute ein vergleichsweise artenarmer Eichen- und Buchenwald vorherrschen. Erst durch die Inkulturnahme der Flächen, durch Rodung, Beweidung und Ackerbau, sind neue Lebensräume entstanden, die von weiteren, vielfach auch gebietsfremden Arten besiedelt werden konnten.
Etwa Mitte des 19. Jahrhunderts war in Deutschland das Maximum der Artenvielfalt erreicht. Die Gründe dafür lagen nicht nur in der Beseitigung der "natürlichen" Wälder und der z.T. gewollten (z.B. Kartoffel) oder ungewollten (z.B. Kornblume) Einbürgerung neuer Arten. Entscheidenden Vorschub erhielt die Biodiversität auch durch die ertragsschwache, durch die "Verwaltung des Mangels" (im Wesentlichen an Nährstoffen) gekennzeichnete Landwirtschaft. Ackerflächen mit regelmäßiger Bodenbearbeitung, wenig konkurrenzstarken Kulturpflanzen, Brachejahren mit Selbstbegrünung zur Regeneration der Bodenfruchtbarkeit und geringe Arbeitsleistungen ("Tagwerk"; HEYER u. CHRISTEN, 2005) prägten die damalige, wenig effiziente und oft von Missernten geprägte Landnutzung. Diese Form der Landwirtschaft bot auch für neu eingeführte oder eingewanderte Pflanzen- und daran gebundene Tierarten unterschiedlichste Lebensräume.
Diese kurze "Entstehungsgeschichte" macht bereits deutlich, dass Biodiversität zu keiner Zeit eine unveränderliche Größe war, die dauerhaft hätte erhalten werden können.
Hinweis: Der zweite Teil dieser Serie wird sich u.a. mit Pflanzenarten befassen, die zu unterschiedlichen Zeitpunkten neu eingewandert sind.
Institut für Landwirtschaft und Umwelt (ilu)
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