Regionalmessen weichen Handelsstrukturen auf
SEH sieht Chance für Kontakte zu regionalen Anbietern und Sortimentsvielfalt
Harald Wurm, Vorstandsmitglied des BNN Einzelhandel, erlebte die BioNord „ein bisschen als Familientreffen“. Die Chance, bekannten Gesichtern zu begegnen, ist tatsächlich größer als auf der BioFach und wird oft als besondere Qualität der Regionalmessen gepriesen.
Der Naturkostfachhandel will auf seinen Messen unter sich bleiben. Das ist jedoch unwahrscheinlich und stimmt bereits heute nicht mehr: Auf der BioNord bieten bereits konventionelle Hersteller Bio-Produkte für den Fachhandel an und Direktvermarktung ist nichts Exotisches mehr.
Veranstalter Matthias Deppe hat ausgerechnet, dass nur ein Drittel der Aussteller bekannte Markenhersteller sind, ein weiteres Drittel besteht aus Herstellern und Händlern, die nicht über den traditionellen Großhandel gehen. Das dritte Drittel sind Aussteller aus der Region.
Die „Familie“ ist also größer und weniger überschaubar geworden. Und es dürfte eine Frage der Zeit sein, bis Regionalmessen wie die BioNord den Charakter einer BioFach haben und ihre eigentliche Funktion erfüllen: den Markt für Bio-Produkte zu entwickeln und nicht abzuschotten.
Zwei Drittel der Aussteller nicht bei Hausmessen gelistet
Die Regionalmessen sind ja nicht nur als Gegenentwurf zur BioFach, sondern vor allem auch zu den Hausmessen entstanden. Während auf einer Hausmesse nur die Produkte gezeigt werden dürfen, die der Großhändler gelistet hat, können Aussteller auf der BioNord ihr gesamtes Bio-Sortiment präsentieren.
Und weil auch Hersteller und Händler zugelassen sind, die ihre Ware außerhalb der traditionellen Handelsstrukturen vertreiben und direkt oder per Postpaket liefern, eröffnen sich nicht nur neue Chancen für den Naturkosteinzelhandel, sondern auch für den Selbstständigen Einzelhandel (SEH). Dem steht ebenfalls nur ein begrenztes Bio-Angebot zur Verfügung – das der großen Handelszentralen und der wenigen Bio-Großhändler, die bereit sind, an den SEH zu liefern.
Auch dass Regionalität im Trend liegt und Einzelhändler sich deshalb verstärkt um die Produktion vor den eigenen Stadtmauern kümmern müssen, spricht für einen Besuch von Regionalmessen, die es ab 2013 auch in Berlin (BioOst) und Düsseldorf (BioWest) geben soll. Von den 420 Ausstellern, die auf die BioNord kamen, sind laut Deppe knapp zwei Drittel nicht bei Hausmessen gelistet.
Einzelhandel wünscht sich Vielfalt statt Einfalt
Richard Retsch, Geschäftsführer von Il Nuraghe (Bild unten), einem Importeur für italienische Feinkost, speziell aus Sardinien, sieht im Handel einen Bedarf, sich mit Bio-Feinkost zu profilieren: „Es sollte Vielfalt dominieren, aber ich habe das Gefühl, es besteht Einfalt.“ Die über 200 Bio-Produkte des Importeurs werden zu 70 Prozent direkt versendet. Wenige Großhändler, die nur Teile des Sortiments gelistet haben, sorgen für die übrigen 30 Prozent Absatz.
Ausschließlich direkt liefert Fromi, ein französischer Handelsbetrieb, der erklärtermaßen bereits seit 1968 die kleinen Familienbetriebe aus den Produktionsgebieten durch den Export seiner vielfältigen Käsesorten unterstützen will. Für Samuel Bourin, Nationaler Vertriebsleiter Fachhandel Gastronomie, wäre die Kette mit zwei Zwischenhändlern zu lang. „Wir sind ja schon Großhandel“, sagt er. Für das Unternehmen, das nicht nur Bio-Ware im Angebot hat („Käse, der aus 2.000 Metern Höhe stammt, ist automatisch Bio“), beschäftigt 18 Außendienstmitarbeiter.
Kunden wollen raus aus den Eigenmarkensystemen des Großhandels
Für die Dorfkäserei Geifertshofen ist der Direktververtrieb auch ein Thema, weil über den Großhandel nicht das gesamte Sortiment vertrieben werden kann. Mit Paket oder Spedition wird deutschlandweit direkt vermarktet, wobei aufgrund des Standortes Baden-Württemberg mehr Bestellungen aus dem Süden als aus dem Norden kommen.
Fast ohne traditionellen Großhändler kommt der Spezialitäten-Importeur Die Olive – und mehr aus: Der Anteil der Direktvermarktung liegt laut Unternehmensgründer Manfred Stöcker bei 90 Prozent. „Die Kunden sind froh, dass wir da sind. Dann kommen sie mal aus dem Eigenmarkensystem des Großhandels raus“, sagt er. Eine Mindestabnahmemenge gebe es nicht.
Beim Regionalvermarkter Landkäserei Herzog liegt das Verhältnis Großhandel zu Direktvermarktung bei 70 zu 30, das Klostergut Mönchpfiffel setzt auf Direktvermarktung und liefert die Ware im Umkreis des Klosters sogar selber aus.
Dagegen ist die Thise Mejeri auf den Großhandel und Handelsketten fixiert. „In Deutschland machen wir keinen Direktvertrieb wie in Dänemark, das schaffen wir einfach nicht“, sagt Britta Kristenser vom Verkauf des dänischen Molkerei-Betriebes.
Für den Feinkostanbieter Popp, der auch konventionelle Ware produziert, ist der Großhandel die maßgebende Vertriebsstätte im Naturkostfachhandel. Elf Betriebe haben nach Auskunft von Sebastian Skrebbas, zuständig für den bundesweiten Vertrieb, bereits Popp-Bio-Produkte gelistet, ein zwölfter komme vielleicht noch hinzu.
Etwa vier Fünftel der Produktion nimmt der Naturkostfachhandel ab, ein Fünftel bekommen Famila-, Rewe- oder Edeka-Märkte über Strecke. „Wir haben fast eine Monopolstellung bei Bio-Feinkostsalaten“, freut sich Skrebbas.
Die Bio-Variante der Capri-Sonne wird zu 80 Prozent über den Großhandel vertrieben, 20 Prozent direkt. Das Produkt wird bislang nur an den Naturkostfachhandel, die Drogeriemärkte Rossmann und Müller sowie an Tegut geliefert. Auf den Preiskampf im LEH will man sich nicht einlassen, hieß es am Stand.
Branchenkenner glauben allerdings, dass die SiSi-Werke die erforderlichen Massen (noch) nicht produzieren können. Die umstrittene, aber für die Unterwegsverpflegung vor allem von Kindern offenbar praktische Verpackung soll nicht geändert werden. Als neue Variante wurde Saft aus gelben Früchten vorgestellt.
Horst Fiedler
Kommentar:
Abschied von der Familie?
Die Vielfalt der Messeausteller auf der BioNord zeigt, dass sich neben dem traditionellen Großhandel eine Subkultur aus Direktvermarktern bildet, die es dem Naturkosteinzelhändler ermöglichen Stammsortimente ideenreich zu ergänzen, ohne den Hauptlieferanten wochenlang zwecks Listung beknien zu müssen.
Auch der SEH profitiert von diesen Anbietern, die nicht dem Diktat einer zweiten Handelsstufe unterliegen oder von der Gnade der Sortimentsverantwortlichen großer Handelsketten abhängig sind.
Überdies zeigt sich, dass auch Regionalmessen den Bio-Produkten von konventionellen Herstellern zum Durchbruch verhelfen können. Das kann man als ausgleichende Gerechtigkeit werten, weil Hersteller aus dem Fachhandel mit Zweitmarken oder gar mit ihrer Erstmarke in den LEH gehen.
Bislang widersprachen konventionelle Bio-Anbieter dem Familienbild vieler Fachhandelsvertreter. Wenn da Liberalität eingekehrt sein sollte, ist der Unterschied der Regionalmessen zur BioFach lediglich, dass Regionalität statt Internationalität Übergewicht hat – nicht mehr und nicht weniger.
Von einem Familientreffen, wie Harald Wurm den Besuch in Hannover empfunden hat, dürfte spätestens dann keine Rede mehr sein, wenn der SEH die Chancen regionaler Bio-Messen für die Sortimentsoptimierung erkannt hat.
Horst Fiedler
Dosenbrot aus der Bio-Bäckerei
Wehrpflichtigen wurde früher „Druck und Dosenbrot“ angedroht, wenn sie nicht parieren wollten. Das Dosenbrot der Bundeswehr war wenig schmackhaft und der Verzehr eine echte Strafe. Heute sieht das anders aus.
An dem neuem Bio-Dosenbrot der Bio-Bäckerei No.1 aus Celle, das in den Varianten Dinkel-Vollkorn- oder Kürbiskernbrot auf der BioNord vorgestellt wurde, hätten auch die jungen Soldaten ihre Freude gehabt: es schmeckt (obwohl Geschmäcker bekanntlich verschieden sind).
Das frisch in der Dose gebackene Brot wird durch Sterilisation lange haltbar gemacht. Mindestens acht Monate soll es seine Qualität behalten. Ob Bio-Dosenbrot richtig verstandene Nachhaltigkeit ist, müsste allerdings noch diskutiert werden.







