Falsches Bio aus Italien
Möglicher Warenstrom nach Deutschland wird untersucht
Den größten bisher bekannt gewordenen Fall von Bio-Betrug hat die italienische Finanzpolizei in Verona aufgedeckt. Seit 2007 sollen mehr als 700.000 Tonnen konventionelle Ware als Bio verkauft worden seinen. Der Schaden beträgt 220 Millionen Euro. Ob gefälschte Bio-Ware nach Deutschland gelangt ist, wird derzeit von Verbänden und Behörden ermittelt.
Am Dienstag schlug die italienische Finanzpolizei aus Verona zu. Bei einer Razzia nahmen die Beamten sieben Geschäftsleute fest darunter die Geschäftsführer der drei Bio-Unternehmen Sunny Land, Sona und Bioecoitalia. Auch der Leiter einer regionalen italienischen Kontrollstelle ist unter den Verdächtigen. 2.500 Tonnen falsch deklarierte Produkte beschlagnahmten sie ebenfalls. Bei der gefälschten Ware handelt sich um Rohstoffe wie Getreide, Soja und Sonnenblumenkerne aus Osteuropa. In Moldavien, Bulgarien, Rumänien, Ungarn, aber auch in Österreich und Italien weist Sunny Land Anbaufläche aus.
Bei dem Fall handelt es sich um Banden-Kriminalität. Auch eine Kontrollstelle hat nach den Ermittlungen mitgespielt. Eine regionale Niederlassung von Suolo e salute soll falsche Zertifikate auf existierende Bio-Fläche ausgestellt haben. Das funktionierte so: Landwirte haben Soja bei der betrügerischen Erzeugergemeinschaft abgeliefert und der Mitarbeiter bei der Zertifizierungsstelle erhöhte die Menge auf dem Papier. Die Bauern haben von dem Betrug nichts erfahren. Die Luftmenge wurde dann mit konventioneller Ware aufgefüllt und in mehrere europäische Staaten vertrieben. Die Abnehmer schöpften keinen Verdacht. Suolo e Salute existierte, die Bio-Höfe ebenfalls. Die wundersame Vermehrung blieb im Dunkeln. Einzig niedrige Preise hatten verschiedentlich für Unmut gesorgt.
Die mutmaßlichen Betrüger kannten den Mechanismus des Bio-Kontrollsystems und hebelten ihn aus. Das Steuersystem durchschauten sie weniger. Steuerprüfer entdeckten bei Sunny Land Scheinrechnungen über LKW-Transporte. So flog der Betrug auf. Die Zentrale von Suolo e salute hat 2010 von den Ermittlungen erfahren. Ans Licht der Öffentlichkeit kam alles erst jetzt nach dem Rücktritt von Silvio Berlusconi. Aber das mag nur ein schöner Zufall sein.
Sunny Land aus Italien war Aussteller auf der BioFach. Getreide-Bergmann kennt das Unternehmen von der Messe. „Es handelt sich um eine Kooperative südlich von Verona“, erinnert sich Getreidehändler Klaus Bergmann, gekauft hat er dort nicht.
Bei Agravis in Münster, ein großer deutscher Bio-Getreidehändler, ist Sunny Land nur dem Namen nach bekannt. Geschäftsbeziehungen zu dem italienischen Unternehmen bestehen ebenfalls nicht, wie es aus dem Münsterland heißt.
Zertifizierungen hat Sunny Land auch für die Schweiz (Bio Suisse) und die USA (USDA). Deutsche Verbände sind nicht direkt betroffen. Die Ware könnte nach Einschätzung von Rohstoffhändlern in Futtermittel geflossen sein.
Sunny Land erzeugt tatsächlich Bio-Ware. Ihr starkes Bio-Wachstum der vergangenen Jahre scheint allerdings zu großen Teilen auf Fälschung zurückzugehen. Vier Jahre währte das Treiben, ehe die Handschellen klickten. Händler und Verbraucher fragen sich, wie konnte das so lange gut gehen? Die Politik wird die Kontrollen verbessern müssen. Mit einer EU-weiten Datenbank kann der Warenfluss effektiver kontrolliert und Betrug erschwert werden. Verbesserungen könnte auch ein Frühwarnsystem schaffen, das alle Beteiligten der Lieferkette umfasst. Absolute Fälschungssicherheit wird es nicht geben. Die gibt es auch bei Geldscheinen nicht.
„Insgesamt gehen wir davon aus, dass der Anteil von Betrugsfällen am Gesamtumsatz mit Bio-Produkten in Europa bei unter 0,5 Prozent liegt. Diese Fälle konnten nahezu alle durch Kontrollstellen und Behörden aufgedeckt werden. Betrüger schädigen nicht nur ihre Handelspartner, sondern bringen eine ganze Branche in Verruf“, ließ der BÖLW (Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft) in Berlin verlauten.
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