Grüne Mode etabliert sich
Bio-Baumwolle ist das Material der Stunde für Jeans
Grüne Mode macht Karriere und ihre Branche trifft sich gemeinsam mit Vertretern des gesamten internationalen Bio-Marktes auf dem Messegelände in Nürnberg zur Weltleitmesse für Bio-Produkte. Zum dritten Mal versammelt die Textil-Schau der BioFach 2011 vom 16. bis 19. Februar Anbieter und Fachbesucher aus dem Markt-Segment für Naturtextilien und Öko-Mode.

Foto: Public Relations NürnbergMesse GmbH
Bio-Baumwolle ist das Material der Stunde und das bedeutsamste Indiz für den wachsenden Markt. Zwar sind die Kräfte nach wie vor ungleich verteilt: Bio-Baumwolle hat nur einen Anteil von unter ein Prozent am gesamten Baumwollmarkt. Umso beeindruckender sind jedoch die Zuwächse. 2008 und 2009 wurden 175.000 Tonnen des ökologisch einwandfreien Rohstoffs geerntet, beachtliche 20 Prozent mehr als in der Saison zuvor.
Insgesamt bauen momentan 222.000 Bio-Bauern in 22 Ländern die Pflanze an. Die Nachfrage wird durch neue Märkte wie Osteuropa und Asien als auch etablierte Märkte wie Nordamerika und Europa gestärkt. Allein der Bedarf im Boommarkt Großbritannien wird sich Marktschätzungen zufolge bis 2012 verdreifacht haben.
Prozentual weniger ins Gewicht fallen derzeit andere Naturfasern wie Wolle, Seide, Flachs oder Hanf, die ebenfalls aus biologischem Anbau oder artgerechter Tierhaltung stammen. Alle diese Fasern sind die ökologisch beste Wahl, da sie Mensch und Umwelt in vorbildlicher Weise schonen.
Da sich der weltweite Faserbedarf von über 70 Millionen Tonnen jedoch nicht allein mit Naturfasern decken lassen wird, diskutieren Hersteller über neue Materialien und Fasern der Zukunft. Zum Beispiel Halbsynthetiks (Zellulosefasern wie Viskose) und Synthetiks (Kunstfasern wie Polyester). Prinzipiell lassen sich auch diese Fasern sauber verarbeiten und damit knappe Ressourcen wie Energie, Wasser und umweltschädliche Chemie sparen. Die gesamte Branche wird sich Experten zufolge neuester Forschung und Ökobilanzen öffnen müssen, die nicht nur die Faser, sondern die gesamte Veredelung im Blick haben. Ein Kilo konventioneller Textilien kann mehr als sechs Kilo Chemie enthalten, das errechneten jüngst schwedische Experten. Auf Textil-Etiketten ist davon bisher nichts zu lesen. Für Öko-Mode gibt es Positivlisten, was überhaupt an Chemie enthalten sein darf.
„Nur, weil sie ein Ökoprimus ist, sieht die grüne Mode nicht weniger schick aus. Inzwischen sind auch viele Stars buchstäblich anständig angezogen. Supermodels wie Eva Padberg, Thomas D., Sänger der Fantastischen Vier, oder Schauspielerin Cosma Shiva Hagen treten offensiv für Green Fashion ein“, so Dr. Kirsten Brodde, Branchenexpertin und Betreiberin eines Blogs für Grüne Mode.
Rund 20 Concept Stores sind bundesweit ausschließlich auf grüne Mode spezialisiert und die Ladenflächen wachsen. Meist wird zusätzlich ein Online-Shop angeboten. Laut jüngster Recherche unter deutschen Ladeninhabern sind T-Shirts das meistverkaufte Kleidungsstück, Jeans aber das umsatzstärkste.
Generell ist die Bereitschaft der Konsumenten gestiegen, für nachhaltig produzierte Produkte mehr Geld auszugeben. Bei Textilien und Lebensmitteln greifen Kunden dabei am ehesten etwas tiefer in die Tasche. Zu diesem Ergebnis kam eine Verbraucherbefragung des E-Commerce-Centers Handel (ECC)/ Institut für Handelsforschung (IfH), Köln, in Zusammenarbeit mit dem Online-Portal Stayfair.de, Duisburg, im Juli 2010.
Der Trend zu Naturtextilien und Öko-Fashion lässt aber auch die Ansprüche an die Hersteller wachsen. So wären Kunden gerne besser informiert, zum Beispiel durch Beschriftungen auf dem Etikett direkt am Produkt. Tatsächlich ist die ökologisch und sozial einwandfreie Ware nicht immer sicher zu erkennen, unter anderem weil die Zahl der Prüfsiegel sehr stark gewachsen ist. Bei Kleidung geht es um die Umwelt und soziale Verantwortung denjenigen gegenüber, die die Kleidung herstellen. Viele Siegel decken aber nur das eine oder das andere ab.
Die Zukunft gehört deshalb kompilierten Siegeln, die Umwelt- und soziale Kriterien verbinden und vom Acker bis in den Schrank alle Glieder der Produktionskette abdecken. Viele Hersteller und Kunden wünschen sich, dass Bio künftig automatisch auch fair bedeutet. „Ökologisches und Soziales gehören zusammen“, erklärte Günther Bachmann, Generalsekretär des Rates für Nachhaltigkeit, auf einer Tagung zur Zukunft der Grünen Mode in Berlin im Juni 2010. Hohe Ansprüche in dieser doppelten Hinsicht hat zum Beispiel das Label des Global Organic Textile Standard GOTS und setzt sich damit durch: Waren 2006 nur 26 Textilunternehmen zertifiziert, waren es Mitte 2010 schon 2.800.
Karriere machen auch die reinen Sozialsiegel im Textilbereich. 2009 wurden in Deutschland zwei Millionen Kleidungsstücke aus Fairtrade-Baumwolle verkauft, mehr als doppelt so viel wie 2008. Immerhin die Hälfte der fair gehandelten Baumwolle stammte auch aus biologischem Anbau. Viele Unternehmen wollen ihre soziale Verantwortung wahrnehmen, das beweist unter anderem der Zulauf zur Fair Wear Foundation FWF.
Der holländische Zusammenschluss von Wirtschaftsverbänden, Gewerkschaften und Verbänden gilt als einer der strengsten und sorgfältigsten Kontrolleure von Arbeitsbedingungen. 2006 ließen sich nur 29 Hersteller überwachen, 2009 waren es bereits 51 Firmen. Experten fordern gesetzliche Regelungen gegen Greenwashing im Textilbereich, so auch Dr. Brodde: „Diejenigen, die ökologische und soziale Siegel anstreben, nehmen ihr Engagement auch ernst. Wer dagegen mit einem grünen und sozialen Anstrich nur Werbung treiben will, muss damit rechnen, von Verbraucherzentralen und Warentestern in die Schranken verwiesen zu werden. Das belegen eine Reihe von Gerichtsurteilen und Warentests. Der Bundesverband der Verbraucherzentralen forderte jüngst gesetzliche Kontrollen, ob die Ware auch hält, was sie verspricht. Bislang gibt es jedoch, was Mode angeht, keine gesetzlichen Regelungen.“ Hintergrundwissen vermittelt das Textil Forum im Rahmen des jährlich parallel zur Messe stattfindenden BioFach Kongresses.







