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Bio heißt Verantwortung

Internationale Konferenz der Akademie Fresenius diskutierte über Bioprodukte

„Bio“ ist nicht durch das Endprodukt und seine Bestandteile definiert, sondern durch den gesamten Produktionsprozess. Der Biosektor sei aus der Interaktion und dem Dialog zwischen Konsumenten und Produzenten heraus gewachsen, resümierte Alexander Beck von der Assoziation ökologischer Lebensmittelhersteller (AoeL) bei der Fresenius Konferenz Organic Food in Mainz. Ökologischer Landbau, Verarbeitung und Handel würden durch diesen Dialog weiterentwickelt und dynamisch angepasst. „Dadurch hat der Biosektor in der ganzen Welt eine enorme Beachtung erhalten. Bio ist ein Begriff für verantwortliches Verhalten im Lebensmittelsektor geworden“, folgerte Beck.

Das Konzept ökologischer Produktion fand vor 20 Jahren in der europäischen Öko-Verordnung (EG) Nr. 834/2007 Berücksichtigung. Das praktische Ergebnis war ein ökologisches Landbau-Konzept, das Umwelt und Tierschutz berücksichtigt. Beck prophezeit Wachstumsraten von 10 bis 15 Prozent pro Jahr: „Der Markt für nachhaltig produzierte Lebensmittel, also Bio-Produkte, wird über die nächsten Jahre konstant wachsen. Aber parallel dazu haben wir einen dringenden Bedarf, das gegenwärtige Öko-Konzept weiterzuentwickeln.“ Um sicherzugehen, dass das Vertrauen der Konsumenten in Bio-Lebensmittel verstärkt wird, ist es notwendig, neue Instrumente zur Qualitätssicherung zu entwickeln und die Kontroll- und Zertifizierungssysteme kontinuierlich zu verbessern.

Verbraucherreaktion noch unklar  

Das obligatorische EU-Logo für Bio-Lebensmittel beinhaltet als Neuerung die Angabepflicht zur Herkunft der Rohstoffe aus „EU-Landwirtschaft“, „Nicht-EU-Landwirtschaft“ oder „EU-/Nicht-EU-Landwirtschaft“. Der Name eines Landes kann nur dann verwendet werden, wenn mindestens 98 Prozent der landwirtschaftlichen Rohstoffe in ein und demselben Land angebaut wurden.

Meike Janssen von der Universität Kassel beschäftigte sich mit dem neuen EU-Bio-Logo in Bezug auf die Erwartungen der Konsumenten und den Einfluss auf den Biosektor. Derzeit ist noch unklar, wie Verbraucher auf das neue Logo reagieren werden.
 
Janssen empfiehlt, während der Übergangszeit zusätzlich zum obligatorischen EU-Logo das etablierte Bio-Logo zu verwenden. Händler sollten ihre Kunden über das neue EU-Logo und über die Aspekte der ökologischen Landwirtschaft informieren. Ferner rät Janssen dazu, die Tatsache hervorzuheben, dass Bio-Lebensmittel unter staatlicher Aufsicht zertifiziert und kontrolliert werden.

Sie machte deutlich, dass eine Differenzierungsstrategie basierend auf strengeren Produktionsstandards zusätzlich zu den europäischen Standards nur dann erfolgreich sein könne, wenn die Konsumenten die Unterschiede verstünden und wertschätzten. Strengere Produktionsstandards sollten sich nach den Kriterien richten, die für die Konsumenten wirklich wichtig sind, zum Beispiel Tierschutz und faire Produzentenpreise.

Da die Nachfrage nach lokalen Lebensmitteln steige, funktioniere eine Produktdifferenzierungsstrategie bezogen auf „Herkunft“ nur dann, wenn es mehr Anstrengungen in die einheimische Beschaffung von Rohmaterialien gäbe, folgerte Janssen. Dafür sollte eine Kommunikationsstrategie implementiert werden, die auf die regionale Herkunft zugeschnitten ist.

Soziale Bio-Produktion

Andreas Biesantz, Demeter International (Brüssel), wies auf die gesellschaftlichen Aspekte und die Situation der Sozialstandards in der Bio-Produktion hin: „Sozialleistungen in der Lebensmittelproduktion stellen eine über die üblichen Dienstleistungsstandards hinausgehende Leistung für die Menschen und die Öffentlichkeit dar. Dabei spielt es keine Rolle, ob diese marktfähig sind oder nicht.“ Entsprechend dieser Definition erzeuge eine soziale Lebensmittelproduktion einen zusätzlichen Nutzen für die Gesellschaft, so Biesantz. Ein Beispiel dafür ist Fair Trade, eine organisierte soziale Bewegung mit einem marktgestützten Ansatz. Dessen Ziel ist es, Produzenten in Entwicklungsländern zu unterstützen und die Nachhaltigkeit voranzutreiben.
Der Schwerpunkt liegt dabei auf dem Export von Produkten aus Entwicklungsländern, die von den Industrienationen nachgefragt werden. „In 2008 betrug der Umsatz von Fair Trade weltweit etwa 2,9 Milliarden Euro, knapp ein Viertel mehr als im Vorjahr. Schätzungsweise über 7,5 Million Produzenten und ihre Familien profitieren von der durch Fair Trade finanzierten Infrastruktur, der technischen Unterstützung und den gemeinschaftlichen Entwicklungsprojekten“, sagte Biesantz.

Marktgespräche am runden Tisch

Das Fair-Trade-Modell könne zu einem Modell des „Assoziativen Wirtschaftens“ erweitert werden, so Biesantz weiter. Dieses Modell basiere darauf, dass alle Akteure der Lebensmittelkette durch das Instrument von „Marktgesprächen“ am runden Tisch wirtschaftliche Probleme gemeinsam lösen. „Die Assoziation bewirkt, dass der Landwirt nicht mehr bei einer einfachen Abliefermentalität stehen bleibt. Der Händler lernt dagegen, dass die Qualität entsprechend leidet und die Produzenten irgendwann aufgeben müssen, wenn er immer nur die billigsten Lieferanten bevorzugt. Der Verbraucher wiederum muss aus Einsicht bereit sein, einen bestimmten Preis für ein Produkt zu bezahlen“, meinte Biesantz.

Biesantz forderte, dass die WTO-Vereinbarungen Fair Trade mit all seinen spezifischen Aspekten respektieren und Sozialstandards in der Lebensmittelproduktion sowie in der Handelskette praktizieren sollten. Die Einführung und Kennzeichnung sozialer Zertifizierungsstandards könnten für bestimmte Produzenten und Konsumentengruppen von Interesse sein. Systeme der Agrar- und Lebensmittelproduktion sind nicht sozial verträglich, wenn Umweltschäden als Folgekosten für die Steuerzahler entstehen und die Arbeitslosigkeit in ländlichen Gebieten steigt. Dagegen können Lebensmittelproduktion und Lebensmittelkonsum dann sozial genannt werden, wenn sie Fair-Trade-Praktiken und Tierschutz beinhalten und sich positiv auf öffentliche Güter wie Umwelt, biologische Vielfalt und Erholungsgebiete auswirken.

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