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Besserer Schutz der Böden und eine EU-Agrarpolitik zugunsten von Bauernhöfen statt Agrarfabrikanten

Zum Auftakt der Internationalen Grünen Woche präsentierte das Agrar­-Bün­d­­nis in Berlin den „Kritischen Agrarbericht 2010“. Dieses wie immer umfassende landwirtschaftliche Jahrbuch hat in diesem Jahr den besonderen Schwerpunkt „Boden“.

Das Thema „Boden“ wird seit Jahrzehnten sträflich vernachlässigt

Das Thema Boden wird seit Jahrzehnten sträflich vernachlässigt obwohl er die primäre Ressource aller Landbewirtschaftung und Nahrungsmittelproduktion ist. „Er ist lebenswichtig und letztlich unersetzbar“ so AgrarBündnis-Geschäfts­führer Frieder Thomas: „Unsere Böden sind in Gefahr. Nach wie vor gehen in der Landwirtschaft durch Erosion jedes Jahr pro Hektar im Schnitt zehn Tonnen Boden verloren – das Fünffache von dem, was sich im gleichen Zeitraum neu bildet. Nach wie vor nimmt die natürliche Fruchtbarkeit der Böden ab. Nach wie vor werden allein in Deutschland jeden Tag mehr als 100 Hektar an landwirtschaftlichem Boden durch Siedlungs- und Verkehrsflächen in Anspruch genommen und zum Teil unwiederbringlich versiegelt.“

Landwirtschaftliche Nutzflächen dürfen kein Spekulations­objekt werden

Es geht jedoch nicht nur um die Qualität unserer Böden. Friedrich von Homeyer vom Bioverband Demeter wies darauf hin, dass es beim Schutz des Gemeinguts Boden – der sensiblen Haut der Erde – um eine gemeinsame kulturelle Verantwortung gehe und daher auch darum, dass er nicht allein zugunsten eines kurzfristigen Geldertrags genutzt werde: „Die Landwirte müssen daher – auch mit Unterstützung der Agrarpolitik – in die Lage versetzt werden, ihre Existenz zu sichern, gerade wenn sie die Bodenfruchtbarkeit steigern und Humus mehren.“ Besonders bedenklich sei die Tatsache, dass in Erwartung künftiger Nahrungsmittelknappheit zunehmend mit Boden spekuliert wird und immer mehr landwirtschaftliche Fläche zu einem Renditeobjekt verkommt.

Tierquälerei wird in unserer Ge­sellschaft nicht akzeptiert

Heidrun Betz vom Deutschen Tierschutzbund ging vor allem auf die rasante Entwicklung in der Tierhaltung ein. Obwohl in Deutschland in den vergangenen Jahren die Anzahl der Schweinemäster drastisch zurückgegangen ist, ist die Zahl der Tiere nicht gesunken und Deutschland ist vom Importeur zum Exporteur von Schweinefleisch geworden. Gigantische Mastanlagen sind bereits in Betrieb und weitere geplant. „Der Trend zur immer stärkeren Intensivierung der Tierhaltung führt zu Schmerzen, Leiden und Schäden bei den Tieren. Die zunehmende Entkoppelung der hoch spezialisierten Tierhaltung vom Ackerbau schädigt unsere Böden.“ Betz zeigte sich erfreut über die zahlreichen Bürgerproteste gegen den Bau von Großanlagen. Dies zeige, ebenso wie Umfragen der EU-Kommission, wie wenig Akzeptanz es für diese Form der Land­wirtschaft in der Bevölkerung gebe: „Tierquälerei wird in unserer Ge­sellschaft nicht akzeptiert!“ Der Bürgerwille werde jedoch ignoriert. Bei der Genehmigung von Großanlagen kommt das Thema Tierschutz gar nicht zur Sprache.

Bodenschutz gesetzlich nicht ausreichend verankert

Hubert Weiger, Vorsitzender des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND): „Trotz der großen Herausforderungen, die der Klimawandel an den Bodenschutz stellt, blockiert die Bundesregierung seit Jahren die vom EU-Parlament mehrheitlich beschlossene EU-Richtlinie zum Bodenschutz. Auch bei der anstehenden Agrarreform will die Bundesregierung nicht die überfälligen Kurskorrekturen zugunsten einer tatsächlich nachhaltigen Landwirtschaft sondern die Beibehaltung der bisherigen einseitig die Großstruktur fördernden Subventionsmechanismen. Der kritische Agrarbericht bestätigt erneut, dass ein wirksamer Bodenschutz in der Landwirtschaft fehlt. Zum Beispiel gibt es keine Grenzwerte für den Eintrag von Schwermetallen und Antibiotika aus der Massentierhaltung in Böden. Bei Fortsetzung dieser Politik wird die Bundesregierung mitschuldig an den Umweltschäden durch die Intensiv-Landwirtschaft. Und sie macht sich unglaubwürdig mit ihrem Einsatz für Klimaschutz und Schutz der Biodiversität, wenn sie in Brüssel die agrarindustrielle Position des Deutschen Bauernverbandes vertritt und die überfällige ökologisch-soziale Reform torpediert.“

Von der aktuellen Politik profitiert allein die exportorientierte Milch- und Schlachtindustrie

Der stellvertretende Bundesvorsitzende der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) Bernd Voß ging vor allem auf das Thema Milch ein und wirft sowohl Bundesregierung als auch Agrarindustrie Täuschung der Öffentlichkeit vor: „Die Bundesregierung wie auch die agrarindustriellen Verbände geben vor, einen Beitrag zum Klimaschutz und zur weltweiten Hungerbekämpfung leisten zu wollen. Tatsächlich aber geht es ihnen allein darum, die Fleisch- und Milchproduktion in Deutschland für den Export noch weiter anzuheizen. Das verschärft aber den Hunger in anderen Kontinenten, weil das nur mit stark überproportional steigenden Futter-Importen möglich ist. Und das verschlechtert die Klimabilanz der deutschen Landwirtschaft. Denn billige Milch und billiges Fleisch wird nicht mit Gras von Wiesen und Weiden erzeugt, sondern stammt von energieintensiv angebautem Ackerfutter mit negativer Klimabilanz. Davon profitiert allein die exportorientierte Milch- und Schlachtindustrie. Im Interesse der Bauern ist das nicht, denn es erhöht sich damit ihre Abhängigkeit von unsicheren Futter- und Export­märkten. Dafür sind die ruinösen Milchpreise schon heute ein Beleg.“

Aktuelle Strategien der Industrieländer verschlimmern die Armut

Diese Entwicklung ist auch nicht im Sinne der Bauern in Afrika. „Milchpulver aus der EU gefährdet die Absatzmärkte von Milchbäuerinnen und -bauern auf unseren lokalen Märkten", schilderte Dr. Henry Njakoi die Situation in Kamerun. Er leitet seit über zehn Jahren die Organisation Heifer International in Kamerun, die versucht, eine bäuerliche Milchproduktion aufzubauen. „Die Milchbauern bei uns vor Ort haben keine Chance gegen die billigen Milchpulverangebote aus Europa zu konkurrieren. Lokale Molkereien verarbeiten europäisches Milchpulver statt einheimische Milch. Es ist ein Skandal: Einerseits reden die Industrieländer von Armutsbekämpfung, andererseits verschlimmern sie unsere Armut mit ihren subventionierten Produkten immer mehr!“

EU-Agrarpolitik: Märkte gestalten und Finanzmittel zielgerichtet einsetzen

Frieder Thomas verwies dabei nochmals auf die Agrarpolitik. Wer die Märkte sich selbst überlasse und damit nur den Stärksten mit den spitzesten Ellenbogen zum Zuge kommen lasse, nehme diese Entwicklung bewusst in Kauf: „Es ist äußerst bedauerlich, dass es in der gegenwärtigen Diskussion um die nächste Reform der EU-Agrarpolitik fast ausschließlich um die Verteilung von EU-Mitteln geht. Diese Mittel können nur ein kleines Korrektiv sein – z.B. um mehr Regionalität, Klimafreundlichkeit, Tierschutz oder Bodenschutz zu erreichen.“ Grundsätzlich müsse man Märkte gestalten. Das sei auch eine wesentliche Forderung deutscher Milchbauern.

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