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An Bio kommt keiner vorbei

Manager verordnen sich beim FibL Nachhilfe in Nachhaltigkeit

In Frick östlich von Basel liegt ein Hofgut am Hang. Felder, Weide und ein Weingarten umgeben die Gebäude. Rinder und Schweine werden freilaufend gehalten. Eine breite hölzerne Pforte gewährt Einlass zum Weinkeller. Mehr als zwei Dutzend Pkw parken hier, zu viele für einen gewöhnlichen landwirtschaft-lichen Betrieb. Hier nahe der deutsch-schweizerischen Grenze ist das Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FibL) mit seinen Laboren beheimatet.
Eine Treppe führt aufwärts zum Verwaltungsgebäude mit Sekretariat, Seminar- und Büroräumen. In einem Flur liegen die Schriften über die Forschungsergebnisse aus. Geballtes Bio-Wissen ist hier versammelt: Der richtige Ort für eine Schulung zum Thema Bio. 
Tatort FibL in der Schweiz: Hier informieren sich Handelsmanager über biologischen Landbau aus erster Hand.

Diesen Gral des Bio-Landbaus haben sich Handelsmanager aus dem deutschsprachigen Raum für ein „ehemaligen Treffen“ ausgewählt. Die „Werkstatt für Management-Entwicklung im Handel“ hatte in den 90-er Jahren Führungskräfte aus 13 Unternehmen ausgebildet. Das war ein Novum, hatten die Handelsunternehmen ihre Top-Kräfte bis dato allenfalls intern gefördert, um sich von der Konkurrenz nicht in die Karten schauen zu lassen. Oder es gab keine Management-Ausbildung. Während in der Industrie schon seit Jahren der Management-Nachwuchs professionell geschult wurde.


Manager-Schulung für den Handel

Die Teilnehmer der Werkstatt, die damals alle in den 30-er waren, sind heute erfahrene Führungskräfte. Bei tegut, dm-Drogeriemarkt, Migros, Coop Schweiz, Phönix-Montanus, Obi usw. arbeiten die Manager. 1994 traf sich die Runde zum ersten Mal, nach 14 Jahren ist der Kreis immer noch lebendig. Das ist in der Tat so bemerkenswert, wie ungewöhnlich. „Wir haben damals ein eigenes völlig neues Konzept erarbeitet“, erinnert sich Christoph Soika, ehedem Vertriebsleiter bei tegut und heute selbstständiger Bio-Berater. Vereinbart war auch wechselseitiger Rat im Tagesgeschäft, netzwerken heißt das wohl. Zusammenarbeit zwischen konkurrierenden Handelsunternehmen ist eher die Ausnahme. „Hier sind so­gar Freundschaften entstan­den, völlig unüblich unter Managern“, weiß Soika.

Einmal jährlich treffen sich die Ehemaligen, wie zuletzt, bei der FibL in der Schweiz. Walter Käser, Leiter der Coop-Tochter CWK war Gastgeber und hatte das Treffen vorbereitet. Die CWK stellt unter anderem Naturkosmetik für die Coop her. „Bio und Nachhaltigkeit“ hat er auf den Stundenplan gesetzt.

Das FibL in Frick ist der ideale Tagungsort für dieses The­ma. „Das FibL ist als private Stiftung gegründet worden, weil der Staat nicht in die Erforschung des biologischen Landbaus investieren wollte“, erklärt Geschäftsleiter Licius Tamm. Grundlagenforschung, Langzeitstudien und Beratung hat sich das 1973 gegründete Institut zur Aufgabe gemacht.  

Für einen erfolgreichen Bio-Verkauf und eine nachhaltige Geschäftspolitik müssen in den Handelsunternehmen Grundsatzentscheidungen gefällt werden. Dafür braucht es die entsprechenden Informa­tionen in der Geschäftsleitung. Bio muss in der Spitze der Unternehmen verankert sein, um erfolgreich praktiziert zu werden.

Bei der Tagung in Frick wurde das Bio-Wissen aktualisiert. Manager, die sich in ihrer täglichen Arbeit mit dem Thema befassen, gaben den Kollegen Nachhilfe in Nachhaltigkeit. Die internationale und die deut­sche Bio-Szene wurden beleuchtet; Strategie und Sortiments­gestaltung am Beispiel Coop/Schweiz verdeutlicht.     

Thoralf Richter skizzierte das internationale Bio-Umfeld im Zeitalter des Web 2.0. Das Internet schafft Transparenz, wie er aufzeigte. Das nimmt den Managern die Sorge vor Bio-Betrug in Zeiten globaler Warenströme. „Schwarze Schafe werden identifiziert“, erklärte Richter, der ehedem am FibL forschte. Bei den Produkten geht der Trend aufgrund breiterer Käuferschich­ten in Richtung eines höheren Verarbeitungsgrades.

Eine stetig steigende Nachfrage ruft zudem neue Anbieter auf den Plan. Diese müssen sich Rohware beschaffen, die aber aufgrund des wachsenden Bedarfs knapper wird. Die Alteingesessenen sitzen aber an der Quelle, so dass neue Marktteilnehmer sich die Rohstoffquellen mühsam erschließen müssen. „Die Hersteller gewinnen wieder an Macht“, teilte Richter den Han­delsmanagern mit. Wenn Spezialitäten und Genuss gefragt sind am Markt, rückt die Hersteller-Kompetenz in den Vordergrund.

Bio-Investoren ändern das Verhalten

Ein Zeichen dafür sei das Verhalten der Bio-Investoren. „ASI bevorzugt heute die Hersteller, nicht mehr den Handel“, erläuterte Richter den Wandel. Vor einem Jahrzehnt steckte der schweizer Fond seine Mittel noch stärker in Bio-Handelsunternehmen. Die Manager müssen sich da­rauf einstellen, dass die Einkaufsabteilungen auf Nachfragemärkten selbstbewussteren Herstellern begegnen als auf Angebotsmärkten.

Die Investition in teurere Bio-Sortimente lohnen. Der Kun­de fragt heute wieder nach sozialer und ökologischer Verantwortung. Weniger Wasser- und Energieverbrauch in der Herstellung werden wieder Verkaufsargumente. „Es ist wis­senschaftlich bewiesen, dass biologische Landwirtschaft wenige Ressourcen verbraucht“, argumentierte Richter. Den Marken empfahl der Berater den Schwerpunkt auf die Produktentwicklung statt auf die Konsumenten-Werbung zu legen. Die guten No­ten von Handelsmarken und die teils schlechten Bewertungen von Markenartikeln bei Produkttests zeigen dies.

Bio-Berater Christoph Soika skizzierte als langjähriger Beobachter den deutschen Bio-Markt. Er sieht kurzfristig ein Potenzial von 7,5 Milliarden Euro Umsatz im gesamten Einzelhandel von Naturkostfach­geschäft bis zum Discount. 5,3 Milliarden waren 2007 realisiert. Beim LEH beklagte er einseitige Bio-Sortimente, zum Beispiel gibt es wenig Süßwa­ren und wenig tagesfrische Sa­late, dafür zahlreiche Dub­letten, wie drei Früchtemüsli in der gleichen Preisklasse. Hohe Preise, die wie eine Wol­ke über den konventionellen Preisen schweben und manchem Kunden unerreichbar scheinen, erschweren den Absatz. „Bio muss nicht teurer sein als die konventionelle A-Marke“, gab er den Kollegen mit auf den Weg. Er warnte den Handel vor der Illusion mit Bio-Lebensmitteln Neu-Kunden gewinnen zu können: „Sie bedienen mit Bio den bestehenden Kunden.“  

Bio-Produkte sind in dieser Dekade wieder stärker mit Ökologie verbunden. Die Klimadebatte macht es nötig. Bei der schweizer Handelskette Coop ist Nachhaltigkeit im Leitbild des Unternehmens integriert, wie Carine Boetsch der Männerrunde darstellte. Auf die nachhaltige Bewirtschaftung der Meere und der Wälder können Handelsunter­nehmen durch den Vertrieb zer­tifizierter Produkte Einfluss nehmen. Damit helfen sie, die Artenvielfalt zu erhalten.

Fond für Nachhaltigkeit

Das geschieht durch Partnerschaften, zum Beispiel mit dem WWF oder durch einen Fond für Nachhaltigkeit. Der Fond stellt jährlich 15 Millionen Schweizer Franken bereit. Davon profitiert auch das FibL. Die Wissenschaftler machen ihre Versuche zum Teil mit Coop-Geldern.

Der Einsatz von Öko-Strom, ein Stromspar-Programm und ein CO2-Monitoring gehören zum nachhaltigen Unternehmenskonzept der Schweizer. „In 15 Jahren wollen wir in den Bereichen, auf die wir direkten Einfluss haben, CO2-Neutralität erreichen“, formu­liert Coop-Managerin Boetsch ein hehres Ziel. Einfluss hat  Coop auf die eigenen Produk­tionsbetriebe und die Logis­tik.

Problemlöser sind dabei die nachhaltigen Produkte des Viva-Programms. Das nahm seine Anfang 1989 mit der ökologischen Verpackung ­Oecoplan und wurde 1992 fortgesetzt mit den Max Havellar Fairtrade-Produkten. 1993 kam die Handelsmarke Naturaplan, unter deren Dach sich heute 1.500 Bio-Lebensmittel versammeln. Coop hat im schweizer Einzelhandel einen Bio-Marktanteil von 50 Prozent und ist damit die Num­mer 1. Im Jahr 1995 wurde Naturaline lanciert. Das sind Textilien aus Bio-Baumwolle, die gerade einen Aufschwung erleben, auch im deutschen Handel. Hinter der Marke Ecoplan verbergen sich Naturwa­ren, die Nicht-Lebensmittel sind.

Bio zieht Kreise

Daneben gibt es noch nachhal­­tige Lebensmittel-Sortimen­­te, die nicht aus kontrolliert biologisch Anbau (kbA) stammen. Naturafarm ist konventionelles Fleisch aus artge­rech­ter Tierhaltung, aber nicht biolo­gisch. Pro Montagna sind typische Produk­te aus den ­Re­gionen der Schweiz. Eine Slow Food-Sortiment bietet bezahl­bare Feinkost. Das Umfeld für biologische Lebensmittel wird breiter. Bio zieht Kreise: Neue Kombinationen wie Bio und regional schafft zusätzliche Absatzimpulse.

Nicht-Lebensmittel werden ökologisch

Naturkosmetik als ein Feld zukünftiger Möglichkeiten präsentierte Dr. Beat Müller von der Coop-Tochter CWK. Bisher gibt es keine gesetz­liche Definition, sondern private Siegel mit unterschiedlichen Standards. Das führt zu unterschiedlichen Qualitäten, die in der Kommunikation mit dem Kunden beachtet werden müssen. Hier steht die Glaubwürdigkeit der Handelsunter­nehmen auf dem Spiel, wenn mehr Natur versprochen wird als das Siegel garan­tiert.

Manager müssen Zusammen­hänge und Prozesse kennen, um Visionen entwickeln zu kön­nen. Ein Rundgang bei den Forschern der FibL führt zu den Wurzeln. Grundlagen werden hier erforscht und Langzeitstudien gemacht.

Andreas Thommen vom FibL stellte praxisnahe Arbeiten zur Tiergesundheit vor. Euterentzündungen (Mastitis) sind auch bei Bio-Milchkühen ein Problem. Bei dem Projekt wurde gezeigt, wie der Einsatz von Antibiotika verringert werden kann. Diese können wieder als Rückstände in Lebensmitteln auftauchen. Ein sensibles  Thema im Handel. Informierte Manager können vorbeugen mit biologisch-nachhaltigen Sortimenten.

 Anton Großkinsky

 


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