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Nicht der Vogel, sondern der Mensch produziert Seuchen

ALLIGATOR 04/06 - 05/06, Rundbrief der GRÜNEN LIGA e.V., www.grueneliga.de/alli

Nicht nur Fallensteller und Jäger bedrohen im zunehmenden Maße die Rastgebiete unserer Zugvögel, sondern stark wachsende Berge von infektiösen Abfällen, angefangen von den nicht abbaubaren bzw. nicht hygienisierten Rückständen der Schwemmkanalisation aus städtischen Ballungsräumen bis hin zu den unterschiedlichsten Abprodukten der industriellen Massentierhaltung.

Tote Höckerschwäne schaukeln verwesend im Brackwasser, bis stark vermummte Männer sie endlich einsammeln. Wer erinnert sich nicht an die apokalyptisch wirkenden Fernsehbilder von Rügen? Schon für den letzten Vogelzug im Herbst 2005 in Richtung Süden war eine damit verbundene Ausbreitung der "Vogelgrippe" angekündigt worden, doch weder in Süd- oder Südostasien noch in Afrika, Australien oder Japan trat in diesem Winter die gefürchtete Seuche auf. Die in dieser Zeit erfolgten Ausbrüche in Nigeria, Ägypten, Indien und der Türkei haben nichts mit dem Vogelzug zu tun, aber viel mit den weltweiten Massentransporten von infizierten Hausgeflügel oder verseuchtem Futter.

Fischfarmen in China, Russland und anderen osteuropäischen Ländern setzen nicht sterilisierte Abfälle aus Massentierhaltungen wie zum Beispiel Hühnerkot als Fischfutter ein. Landwirte in diesen Ländern aber auch in Ländern wie die Bundesrepublik Deutschland benutzen zudem diese Abfälle aus industrieller Massentierhaltung als Dünger. Dies wird zwar von der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) als "hoch riskante Produktionsweise" bezeichnet, vom Bundesministerium für Landwirtschaft und Verbraucherschutz hingegen als "gute fachliche Praxis" verteidigt. Dabei ist es nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) längst bekannt, dass der gefährliche Grippeerreger H5N1 in Geflügelkot bis zu 35 Tage überleben kann.

Für die Abnahme und Entsorgung von Abfällen aus der industriellen Geflügelhaltungen bekommen solche großen Landwirtschaftsbetriebe wie zum Beispiel die Agrargenossenschaft Unterspreewald mit Sitz in Dürrenhofe nahe dem Touristendorf Schlepzig gutes Geld. Entsorgt wurden diese Abfälle allerdings dann nachweislich als Düngemittel auf ihren Spargel- und Gurkenfeldern oder auch auf den zumeist grundwassernahen Wiesenflächen "teilweise sogar nahe der Wasserburger Spree und in der Schutzzone II des Biosphärenreservats Spreewald. Die Leitung des Biosphärenreservats weiß schon seit Jahren darüber Bescheid und schweigt. Auch das örtlich zuständige Amt für Landwirtschaft und Flurneuordnung wurde schon mehrfach darüber informiert und billigte bisher diese Praxis, selbst dann, wenn die Abfälle auf tiefgefrorenen grundwassernahen Niedermoorboden ausgebracht werden...

Aber auch die örtlichen Großkläranlagen leiten in Anbetracht des Nichtvorhandenseins von "leistungsfähigen Vorflutern" speziell im Land Brandenburg und auch in Mecklenburg-Vorpommern sowie anderswo ihr vorgereinigtes Abwasser in stehende Gewässer wie Seen oder Entwässerungsgräben ein. Unter dem Geschäftszeichen V3.5-98/115 hatte hierzu das beim Umweltbundesamt ansässige Institut für Wasser-, Boden- und Lufthygiene schon vor Jahren zu dieser Praxis wie folgt seine Bedenken geäußert: Wir können die Warnsignale sprunghaft ansteigender Antibiotikaresistenzen in den Gewässern nicht länger ignorieren. Mit dem flächenhaften Anschluss an die Schwemmkanalisation wurde ein System eingeführt, das sich ideal für die Ausbreitung von Krankheitskeimen eignet. Alle diese Krankheitskeime, Umweltchemikalien, Antibiotikaresistenzen sowie die hormonell wirkenden Stoffe sind an menschliche Ausscheidungen gebunden und werden mit ihnen transportiert. Als Emissionspfade aus den Kläranlagen sind sowohl die Einleitungen in die Gewässer als auch die landwirtschaftliche Verwertung von Klärschlamm zu betrachten. In beiden Fällen ist das Infektionsrisiko sehr hoch, beide Emissionspfade liefern seuchenhygienisch sehr bedenkliche Produkte.

Joachim Seeger vom Naturschutzbund Westhavelland kontrolliert schon seit mehreren Jahren im Rahmen eines internationalen WWF-Projektes die ziehenden Limikolen zwischen Osteuropa und dem Gülper See im Westhavelland. Wie die untersuchten Probefänge von Limikolen zeigten, ist ein nicht unerheblicher Anteil dieser Watvögel mit den unterschiedlichsten Krankheitserregern infiziert. In Anbetracht der Tatsache, dass gerade die Limikolen sowohl in ihren Brutgebieten als auch während ihrer Wanderzüge für die Nahrungssuche flache Schlammbänke bevorzugen und somit auch häufig in Klärteichen landen, erscheint dies nicht verwunderlich. Aber auch andere Wat- und Wasservögel dürfen sich im zunehmenden Maße in Abwasser-"Biotopen" tummeln: Unter dem vielversprechenden Projekttitel "Stützung des Landschaftswasserhaushalts in Feuchtgebieten" wird ein Teil des vorgereinigten Abwassers der am Stadtrand von Berlin befindlichen Großkläranlage Waßmannsdorf bereits seit dem Jahre 1997 in das Grabensystem des Naturparks Nuthe-Nieplitz-Niederung abgeleitet. Auch der nördlich von Berlin am Stadtrand befindliche Kranichrastplatz Nauen, einer der größten des Landes Brandenburg, wird ausschließlich mit vorgereinigtem Abwasser "bespannt".

Im vergangenen Jahr gelang einem Team von amerikanischen, chinesischen und vietnamesischen Forschern anhand von genetischen Analysen des Erregers der Nachweis, dass vor allem die Transporte von Geflügel bzw. von Geflügelprodukten für die Ausbreitung des Virus H5N1 in Asien gesorgt hatten. Schätzungsweise werden pro Jahr weltweit Abermillionen von Küken und Bruteiern exportiert. Doch anstatt die Massentierhaltung und den Massentransport von Tieren bzw. von tierischen Produkten einzudämmen, ist zu befürchten, dass künftig die Weichen in eine andere Richtung gestellt werden: Wieder weg von der artgerechten Tierhaltung und zurück zur in Deutschland gerade überwunden geglaubten Stall- und Käfighaltung von Geflügel. // Iri Wolle

GRÜNE LIGA Facharbeitskreis Umweltinformationsrecht
Iri Wolle, iri.wolle@grueneliga.de

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