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Handel

Werte sind uns wichtiger als Zahlen

Ein Blick in die Entwicklung des Tiefkühlkost-Großhändlers Ökofrost

Ökofrost ist der einzige Spezialgroßhandel für Bio-Tiefkühlkost, der europaweit liefert. Sein Umsatz beläuft sich auf zwölf Millionen Euro. Viel wichtiger als Zahlen sind Geschäftsführer Florian Gerull und seiner Frau Katharina jedoch die Werte und eine gesunde Entwicklung: „Hier liegt das zukünftige Potenzial für die Wirtschaft. Die Bio-Produktion voranzutreiben ist wichtig, aber die inneren Prozesse haben Vorrang“, sagt Gerull. 24 Mitarbeiter sind bei der Berliner Firma beschäftigt. Seit 2011 findet ein Wandel ihrer Unternehmenskultur statt, der sich im gemeinsam erarbeiteten Leitbild, Gehaltsmodell und einer Gemeinwohlbilanz widerspiegelt.

Gerull hat es schon immer in die Selbstständigkeit gezogen. Neben dem Biochemie-Studium gründete er mit seinem Schulfreund Boris Czizikowski eine Veranstaltungsorganisation. Einer ihrer Kunden war ein Deutsch-Amerikaner, der 1994 mit der Marke Ökofrost das amerikanische Soja-Eis Tofutti als Alternative zu Milchspeise-Eis in Deutschland eta- blieren wollte. Gerull und Czizikowski übernahmen immer mehr Aufgaben: den Ein- und Verkauf, die Kommissionierung und – zwei Jahre später, als es den Gründer zurück nach Amerika zog – die Firma.

„Zum damaligen Zeitpunkt hatten wir 35 Kunden und 40 Produkte, die Hälfte davon war Bio“, erinnert sich Gerull. „Wir haben unsere Kunden damals noch selbst mit einem Fahrzeug beliefert.“ Mit einem größeren Bio-Tiefkühlsortiment machten sie sich wenige Jahre später auf nach Norddeutschland. 2000 weitete Ökofrost ihr Liefergebiet auf ganz Deutschland aus.

„Um Sortimentslücken zu füllen, haben wir 2005 die Eigenmarke Biopolar entwickelt. Zudem hatten wir damals schon Produkte einzelner Hersteller aus dem Ausland, für deren Vermarktung sich eine Eigenmarke viel besser eignete“, sagt Gerull. Das erste Eigenprodukt des hochwertigen Labels waren Garnelen aus Ecuador. Ökofrost gestaltete die Verpackung und ließ sie vor Ort produzieren. Inzwischen sind es rund 30 Biopolar-Produkte, die zum größten Teil Naturland-zertifiziert sind. Im Sortiment gibt es etwa drei Sorten Pizza, produziert von Wagner, Elsässer Flammkuchen von Gusto Palatino, Lachs aus Irland, Garnelen, Hackfleisch, Geflügel und Lasagne.

Biopolar-Produkte werden unter anderem von Weiling, Kornkraft Naturkost und Naturwaren sowie Dennree an Einzelhändler geliefert. „In den meisten Fällen sind unsere Mitbewerber zu Partnern geworden“, sagt Gerull. 
Mit BioCool entwickelte Ökofrost 2010 eine zweite Eigenmarke für EU-zertifizierte Standardprodukte wie Pizza, Gemüse, Himbeeren und Eis.

Durch einfache Zutaten, schlichte Verpackungen und Flexibilität bei den Lieferanten können die Produkte preiswerter angeboten werden. „BioCool stellt den Gegenpart zu Eigenmarken anderer Großhändler dar“, erklärt Gerull. Die rund 10 Produkte werden überwiegend von Ökofrost direkt vertrieben.

2014 haben sich die Wege der beiden Gesellschafter und Geschäftsführer getrennt. „Unsere Vorstellungen waren zu verschieden. Während ich es vorziehe Verantwortung an meine Mitarbeiter abzugeben und den Überblick zu haben, war Czizikowski aus meiner Sicht eher der Macher. Dabei haben wir gut ausgebildetes Personal, Spezialisten in ihrem Fach. Ich finde es wichtig, wenn sich Mitarbeiter entwickeln können. Und das können sie nicht durch einen dominanten Führungsstil.“ Im letzten Jahr verkaufte Czizikowski 49 Prozent seiner Anteile an die Wagner Holding und ein Prozent an Gerull.  

Das Sortiment von Ökofrost umfasst über 200 Produkte. Neben den rund 40 Eigenprodukten fallen darunter Handelsmarken wie Natural Cool, Unsere Natur, Ökoland, Moin und verschiedene Eishersteller. „Wir verteilen auch das gesamte Tiefkühlsortiment der Alnatura-Eigenmarke. Das sind etwa 25 Produkte“, so Gerull. Ökofrosts gesamten Marktanteil an Bio-Tiefkühlprodukten schätzt Gerull auf ein Viertel.

15 Prozent des Umsatzes verkauft er an Großhändler, zehn Prozent gehen an den konventionellen Handel, weitere zehn Prozent ins Ausland. Die meisten Artikel vertreibt das Unternehmen direkt an den Fachhandel. Für das Lager, die Kommissionierung und den Transport der Ökofrost-Produkte ist das Logistik-Unternehmen Nordfrost an den Standorten Berlin und Groß Gerau zuständig.

„Aus der intensiven Beschäftigung mit unseren Werten haben wir 2013 eine Transparenzinitiative entwickelt, die wir mit unseren Biopolar-Produkten umsetzen. Dafür untersuchen wir die meisten Stationen der Wertschöpfungskette – vom Erzeuger über die Verarbeitung und den Transport bis zur Lagerung und uns als Großhandel“, sagt Katharina Gerull. „Um an die Informationen zu gelangen, lassen wir jeden Bereich Fragebögen zu den Themen Umwelt, Soziales – und die Erzeuger zusätzlich zum Tierwohl – ausfüllen. Anschließend stellen wir sie auf unsere Internetseite.

Die Erzeuger und Hersteller besuchen wir vor Ort, um uns selbst ein Bild zu machen. Auf den Verpackungen findet der Verbraucher Fragen, die neugierig machen sollen und die er sich vielleicht schon selbst gestellt hat.“ Unter www.biopolar.de erhält er detaillierte Antworten und Informationen, die sowohl Licht- als auch Schattenseiten beschreiben. So kann sich der Kunde auf Basis seiner eigenen Werte für oder gegen ein Produkt entscheiden.

Sina Hindersmann