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Biofach 2026: zwischen Vision und Marktrealität

Vom Nischenprojekt zur Fläche – wer moderiert die Transformation?

Biofach 2026: zwischen Vision und Marktrealität © NürnbergMesse / Uwe Niklas
‚Neues vom Bio-Recht‘ präsentierte der Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) auf der Biofach und sorgte damit für einen voll besetzten Saal.

Der Bio-Markt wächst – aber mit wem und wohin? Können Kunden in Zukunft von Bio-Markenvielfalt und Bio in den Frischetheken profitieren? Werden sie bald auf Neue Gentechnik und Fake Food in den Regalen stoßen? Über Herausforderungen und Chancen der Bio-Branche wurde vom 10. bis 13. Februar auf dem Kongress der Biofach in Nürnberg diskutiert. Als entscheidender Hebel für die Marktentwicklung rückte der selbstständige Einzelhandel (SEH) in den Fokus. In der Experten Lounge des Meetingpoints BIOimSEH stand die Rolle von Kaufleuten bei der Bio-Beschaffung für den Mainstream im Mittelpunkt.

„Es ist schön zu sehen, wie Bio wächst – die politischen Botschaften für eine weiterhin starke Entwicklung wurden hier auf der Biofach gesetzt. Sie ist die unabdingbare Plattform für Einordnung, Begegnung, Innovation und Politik“, so Tina Andres, Vorstandsvorsitzende des Bunds Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW).

Unter dem Leitthema ‚Growing Tomorrow: Young Voices, Bold Visions‘ (‚Zukunft gestalten: Junge Stimmen, mutige Visionen‘) rückte der diesjährige Biofach-Kongress die nächste Generation und den generationenübergreifenden Dialog in den Mittelpunkt. In acht Fachforen und 169 Einzelsessions wurde über die Weiterentwicklung der Bio-Branche, aktuelle Fragen und Herausforderungen entlang der gesamten Wertschöpfungskette diskutiert. 

Am besten besucht waren laut Messeleitung zwei Veranstaltungen zum EU-Bio-Recht, die zusammen 415 Teilnehmer anzogen. Dabei wurde unter anderem eine ‚Ermöglichungsbürokratie‘ mit dem Ziel der Handlungsfähigkeit als wünschenswert hervorgehoben und auf den Bedarf der Harmonisierung unter den Mitgliedstaaten hingewiesen. Diskutiert wurde außerdem über die Handhabung von Rückständen durch Erzeuger, Verarbeiter und Kontrollstellen.

 

Entscheidend sind nicht volle Hallen, sondern gute Gespräche
„Ich habe auf der Biofach 2026 viele inhaltlich gute Gespräche mit Herstellern geführt. Eine Anregung für die Messeleitung wäre, den Platz für Begegnungen noch etwas ruhiger zu gestalten. Aufgefallen sind mir die leeren Flächen am Rande der Haupthallen. Ich glaube allerdings nicht, dass die Messe dadurch attraktiver wird, wenn sie Hallen für Nicht-Bio-Qualitäten eröffnet, die viele Bio-Produkte ohnehin auch beinhalten. Das wird das Profil der Messe eher verwässern. Entscheidend sind nicht volle Hallen, sondern gute Gespräche, auf die etwas folgen kann. Dazu ist weniger Trubel durchaus förderlich.“ 
Thomas Gutberlet, Geschäftsführer von Tante Enso

 

Bio-Wachstum ohne Zweckverlust?

Auch das Sustainable Future Lab, veranstaltet vom Good Food Collective, fand wieder regen Zuspruch. Hier stand unter anderem die Frage ‚Wem gehört Bio?‘ im Fokus. Ist die Bio-Vision der New School noch so kühn wie die Old School?, wurde diskutiert. Und: Ist nachhaltiges Essen ein ‚(s)low profit business‘?

„Die Bio-Pioniere waren Selbstausbeuter – es ist gut, dass es heute anders ist“, meinte Philipp Luthardt, Nachhaltigkeitschef der Bohlsener Mühle. Als ‚long profit business‘ charakterisierte er Bio. „Skalierung ist kein Schimpfwort“, merkte Lukas Nossol, Leitung Kommunikation bei dennree, an. Auch Leute mit einem kommerziellen Zugang könnten sich für Bio begeistern. „Wir sind dankbar, dass der LEH Bio zu den Kunden bringt. Wenn sie mehr wollen, kommen sie zu uns“, sagte er. Dabei habe dennree kein Interesse daran, alles in Eigenmarke zu machen, sondern wünsche sich selbst Vielfalt im Regal. Ein guter Händler sei auch ein guter Partner für (Marken-)Hersteller.

„Bio ist eine Investition in die Zukunft – eine sowohl emotionale als auch wirtschaftliche Entscheidung“, so Tillman Schulz, Inhaber und Geschäftsführer der Bohlsener Mühle. Der Begriff Investor sei in der Branche negativ besetzt, dabei könne ein Investor, der mit Herzblut dabei ist, auch ein Sparringspartner auf Augenhöhe sein. Dass der Wettbewerb zur Professionalisierung zwinge, sei auch etwas Gutes, findet Wholey-Mitgründer Philipp Stahr. Kapital sei kein ‚purpose killer‘ (‚Zweckvernichter‘) – die Branche sei vielmehr auf Kapital, Übersetzer und Testimonials angewiesen. 

Plädoyer für die Hoffnung

Viel Applaus für ihre Keynote erhielt dieses Jahr die Klimaaktivistin Luisa Neubauer bei der Biofach-Eröffnung. Laut einem Bericht der Vereinten Nationen wirkten 97 Prozent der weltweiten Finanzströme naturzerstörend, erzählte sie. Der Risikobericht des diesjährigen Weltwirtschaftsforums zeige, dass die drei größten Risiken in den nächsten zehn Jahren alle die Ökologie betreffen: extreme Wetterereignisse, Biodiversitätsverlust und eine kritische Änderung der Erdsysteme. „Die Landwirte überall haben die Folgen auszutragen“, stellte Neubauer fest. Selten sei es so leicht gewesen, die Hoffnung aufzugeben. Hoffnungslosigkeit sei jedoch ein Privileg, das die Menschen im Globalen Süden nicht hätten. Woraus die globale Verpflichtung zum Weitermachen folge. „Wir dürfen nicht vergessen, dass in diesen Tagen nachhaltig Bio anzubauen, übersetzt vor allem das gelebte Ja ist, das Ja zur Welt“, sagte Neubauer. 

Erstmals bei der Biofach sprach auch der CSU-Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer. Als „Erfolgsgeschichte“, die einen entscheidenden Beitrag zu Resilienz und Ernährungssicherheit leistet, lobte er die Bio-Landwirtschaft. Der Ökolandbau schone Ressourcen, treibe Innovationen voran und leiste einen Beitrag zur regionalen Identität. Gleichzeitig räumte der Minister ein, dass man sich momentan angesichts der finanziellen Einsparziele der Bundesregierung auch im Ökolandbau auf Kernthemen fokussieren müsse. Konkret seien das für das BMLEH die Außer-Haus-Verpflegung, die Stärkung heimischer Bio-Wertschöpfungsketten und die Weiterführung wichtiger Forschungsprojekte. Als Schwerpunkte seiner Politik hob er den Bürokratieabbau und die Agrarexportstrategie hervor, von der durch die Absicherung von Lieferketten auch der Ökolandbau profitieren könne. 

Kaufleute-Treffpunkt empfängt Symposium Essen und Trinken

Die Experten Lounge des Meetingpoints BIOimSEH stand auch 2026 wieder unter dem Stern der Bio-Vielfalt im selbstständigen Einzelhandel (SEH). Ein Highlight waren dieses Mal die Gespräche zwischen Edmund Pillekamp, dem Geschäftsführer des Symposiums Essen und Trinken (SET), und bioPress-Herausgeber Erich Margrander. Wie lassen sich die Kräfte für Bio im SEH bündeln und die Marktentwicklung moderieren?, wurde dort gefragt. Wie bringt man mehr Bio in die Frischetheken der Kaufleute? Und wie schafft man es, dass Kunden wieder mehr zu Bio-Markenprodukten greifen? 

Als wichtigen Bestandteil des SETs hob Pillekamp Bio hervor – und die Kaufleute als „Motor für Bio“. Dabei sei es Aufgabe des Symposiums, als große Kommunikationsplattform alle an einen Tisch zu bringen – Handel, Hersteller und Verbände. Dass das Konzept des inhabergeführten Einzelhandels weiterhin auch im Interesse der Zentralen sei, zeigten die Pläne der Rewe, die in den nächsten drei Jahren rund 500 Märkte neu an Kaufleute vergeben wolle.

 

Imponierende Menge an Startups
„Für mich war die Biofach 2026 eine sehr kundenorientierte Fachmesse, die die Bio-Branche absolut in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt hat. Laut dem Rückblick auf 2025, der Umsatzsteigerung und Weiterentwicklung, genießen Bio-Lebensmittel den Rückenwind in der Gesellschaft. Gut dass die Supermarktbetreiber, Discounter und auch Fachgeschäfte diesen Trend weiter fördern und ausbauen.
Imponiert hat mir die Menge an Startups für den Bio-Markt – hier gibt es viele Gründer und Gründerinnen, die sich zutrauen, den Markt zu bereichern und auch Bedeutung zu erlangen. Ich habe zwar nicht so viele Produkt-Neuheiten gesehen, aber doch viele Produktvarianten, für die es nun etliche Anbieter gibt.
Mein großes Interesse lag natürlich beim Meetingpoint BIOimSEH. Außerdem konnte ich an vielen Ausstellerständen für das Symposium Essen und Trinken werben und somit Freunde und Unterstützer für unsere Kommunikationsplattform gewinnen und mein Netzwerk vergrößern.
Meiner Ansicht nach sollte man die Biofach nicht verwässern und bei dem gegenwärtigen Fokus bleiben. Konventionelles Fairtrade ist halt nicht gleich Bio!“
Edmund Pillekamp, Geschäftsführer des Symposiums Essen und Trinken

 

Startups und Frischetheken als Bio-Zugpferde

Dabei helfen, Bio in die Märkte zu tragen, kann laut Pillekamp die Förderung von Startups. Innovative Produkte könnten dann als Zugpferd dienen – „da kommt kein Kaufmann drumherum“. Und: „Wer einmal Blut geleckt hat, steigt bei Bio ein und findet auch einen Weg für seinen Markt.“ Mit geschmackvollen, qualitativ hochwertigen Produkten könnten sich die Kaufleute profilieren und von der Konkurrenz abgrenzen, fügte Margrander hinzu. 

Als Vertreter eines Startups war Johannes Schubert, Gründer des Bio-Aperitifherstellers Sankt Sprizz, in der Experten Lounge zugegen. Mit seinen Getränken sollten Kunden erreicht werden, die Bio nicht aus Überzeugung kaufen, erklärte der Unternehmer. Angesprochen werde stattdessen eine Kundschaft, die ein wohlschmeckendes Qualitätsprodukt will. Über selbstständige Edekaner sei es Sankt Sprizz gelungen, einen Fuß in die Tür der Edeka zu bekommen.

Als weiteres Zugpferd betrachtet Pillekamp die Frischetheken. „Wenn es gelingt, den Bio-Anteil in den Frischetheken zu erhöhen, wird sich der Bio-Markt massiv weiterentwickeln“, so seine Prognose. Die Anfänge seien schon gemacht – etwa mit der Listung unverpackter Bio-Hähnchenbrust und Bio-Hähnchenschenkeln bei der Rewe. Kaufleute müssten nicht unbedingt so radikal und mutig vorgehen wie die Edeka-Kauffrau Theresia Quint, die ihre komplette Fleischtheke auf Bio umstellte, und könnten zunächst ein ‚sowohl als auch‘ bieten. 

Der SET-Geschäftsführer erinnerte sich daran, wie Ende der 90er Jahre unter Rewes damaliger Bio-Marke Füllhorn SB-Fleisch in Bio-Qualität angeboten wurde – was sich damals zunächst als schwierig erwies, da die Akzeptanz von Bio-Ware im Supermarkt noch am Anfang stand. Der Preis sei viel zu hoch gewesen und die Handelszentrale musste hohe Verluste verbuchen. Fazit: Bio-Produkte müssen gefragt und preiswert genug sein. Die Rewe habe daraus gelernt und den Bio-Anteil anschließend vorsichtiger, Schritt für Schritt ausgebaut, Werbung geschaltet und strategisch auf ‚Anfüttern‘ mit günstigem Bio gesetzt. „Kaufleute wollen die Verluste möglichst klein halten. Es ist wichtig für sie zu hören, dass Bio funktioniert“, betonte Pillekamp.

Eine Bio-Vorstufe für alle?

Wenn sie erst einmal in den Regalen steht, lässt sich bio-regionale Ware auch gut verkaufen, ist Erich Margrander überzeugt. Schwer sei der Weg dahin. Dabei sei die Transformation der Ernährungsgrundlage in vollem Gang – und für ihren künftigen Erfolg müssten Kaufleute ein Gespür für den Stellenwert der Gesundheit haben. Eine Genossenschaft wie die Edeka sei eigentlich nicht dafür gegründet worden, um ihren Mitgliedern Grenzen zu setzen und ausschließlich profitorientiert zu handeln. Margrander plädierte für ein ‚amazon für Kaufleute‘ – eine systemübergreifende Bio-Vorstufe und Plattform, die allen einen Platz bietet. Er bemängelte zugleich die fehlende staatliche Unterstützung für die ‚Bio in der Fläche‘-Entwicklung. Schließlich sei der Austausch von Sortimenten für Kaufleute auch mit Risiken verbunden. Der Bio-Markt befinde sich momentan an einem Scheidepunkt und dürfe nun nicht in Selbstbeweihräucherung erstarren.

Viel Leben auf den Meetingpoint BIOimSEH brachte die Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL), die einen Besuch samt Verkostungen mit einer Gruppe aus Herstellung und Handel organisierte. „Viele Kaufleute sind sehr offen für das Thema Bio“, sagte eine teilnehmende Kauffrau. „Wir suchen Produzenten, die mutig auf uns zugehen. Es würde uns freuen, wenn wir mehr angesprochen werden.“ Bei den ersten Messe-Ausgaben seien die selbstständigen Einzelhändler noch sträflich behandelt worden. Heute finde man auf der Biofach eher Einkäufer und Vertreter von Zentralen, stellte Pillekamp fest. „Dabei wäre es absolut wichtig, dass die Kaufleute sich das hier anschauen. Viele Beispiele zeigen, dass sie Erfolg generieren können, indem sie Flächen für Bio freimachen.“ „Hier können Sie heute auf Augenhöhe miteinander sprechen“, rief Holger Reising von der Ökopakt-Vernetzungsstelle der LfL die Hersteller und Kaufleute auf.

 

Bessere Ansprache für den SEH erwünscht
„Als besonders prägend für die Biofach 2026 empfand ich die Öffnung der Fachhandelsmarken für den LEH. Im Kongress hat mich vor allem die Marktentwicklung über die Warensegmente in den verschiedenen Vertriebsformen interessiert, wobei die Umsatzsteigerung der Drogeriemärkte mit Bio herausgestochen ist. Von der Messeleitung würde ich mir eine bessere Ansprache für den selbstständigen Einzelhandel wünschen. Eine mögliche Öffnung für Nicht-Bio-Fairtrade-Produkte würde zu den Verbraucherwünschen passen.“ 
Rewe-Kaufmann Matthias Zwingel

 

Innovation kommt von Herstellermarken

Wie sich Bio-Herstellermarken grundsätzlich im LEH behaupten können, war Thema einer Kongressveranstaltung des Fachhandelmagazins Bio-Handel. „Innovation kommt von Herstellermarken. Und Wachstum entsteht durch Innovation“, stellte Stephan Rüschen, Professor für Lebensmittelhandel an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg Heilbronn (DHBW), fest. Durch die zunehmende Verdrängung durch Bio-Eigenmarken aufgrund von preisbewussten Kunden sei daher eine Sortimentsverarmung zu befürchten. Auf der anderen Seite könnten Vollsortimenter sich durch Herstellermarken von Discountern differenzieren.

Darüber dass Bio alleine nicht ausreicht, um sich im LEH zu behaupten, herrschte im Podium Einigkeit. Auch Verbandszertifizierungen dienten nicht mehr zur Abgrenzung gegenüber Handelsmarken. Aspekte wie Gesundheit, Genuss oder Regionalität müssten betont werden, begleitet von flotten Marketingsprüchen, riet Rüschen den Bio-Herstellern. Es gelte, sehr schnell eine Geschichte zu erzählen – angesichts von weniger informierten Käufergruppen mit einer geringeren Aufmerksamkeitsspanne, erklärte Markus Ihmann, Gründer und Geschäftsführer der Bio-Vertriebsagentur plan Bio.

Als „sehr sorgfältig in der Vorauswahl“ und „gut im Selbersuchen“ beschrieb Matthias Sinn, Head of Omnichannel Category Development bei Rewe, die Rewe-Gruppe. Für die Auswahl neuer Bio-Listungen analysiere das Unternehmen zum Beispiel die Suchbegriffe von Kunden im eigenen Online-Shop. Drei von vier Listungen könnten sich am Ende durchsetzen. Dabei hält Sinn die Blockplatzierung von Bio nur für eine Übergangslösung und sprach sich für die Zuordnung aus. „Mount Hagen gehört ins Kaffeeregal, nicht in die Öko-Ecke – sonst werden die Produkte nicht gekauft“, stellte er klar. 

Bürokratie im LEH als Bio-Schranke

Welche Rolle können Naturkostgroßhändler bei der flächendeckenden Bio-Versorgung durch den SEH spielen? „Wo bei Edeka- oder Rewe-Händlern ein Bio-Herz schlägt, möchten wir auch präsent sein“, sagte Meinrad Schmitt, Geschäftsführer von Terra Naturkost, in einer von bioPress organisierten Podiumsdiskussion im Kongress. Auch der Bio-Großhändler Bodan beliefert laut Geschäftsführer Sascha Damaschun bereits eine Handvoll gute Einzelhändler – allerdings werde es in letzter Zeit tendenziell schwieriger, in die entsprechenden Märkte zu kommen. Die Zentralen übten zunehmend Druck auf Kaufleute aus und die LEH-Bürokratie stehe der Streckenlieferung im Wege: ob bei der Stammdatenpflege, der Qualitätssicherung oder der Pflege elektronischer Regaletiketten.

„Wenn die Streckenlieferung zu viel wird, bekommen Kaufleute Probleme“, fügte Schmitt hinzu. „Was gut läuft, will die Zentrale selbst listen. Wir wollen aber nicht die Steigbügelhalter sein.“ Der Weg über die Zentralen bringe Bio nicht weiter, vermutet Damaschun. Bio-Erzeuger in der Bodenseeregion hätten sich in die Strukturen der Regionalzentralen begeben und flögen im Moment reihenweise wieder raus, weil klassische Marktmechanismen griffen. Es gelte daher, im direkten Kontakt mit den Kaufleuten Preiswürdigkeit darzustellen. Zwar seien Bio-Marken heute im LEH vertreten, aber überwiegend mit Schnelldrehern und nicht in der Breite ihrer Sortimente. „Spaß macht es Herstellern, wenn sie auch ihre C-Artikel listen können“, stellte Damaschun fest. Als Mehrwert für die Kaufleute machten diese ein Sortiment erst bunt und attraktiv. 

„Wir müssen uns zusammentun und den Markt von unten aufrollen“, so der Bodan-Geschäftsführer. Gemeinsam mit den Kaufleuten und den Herstellerkollegen gelte es, mit den Zentralen Modalitäten auszuhandeln und einen neuen Deal zu finden – die strukturellen Anforderungen mit kaufmännischen Bedürfnissen zu verheiraten. 

Fake-Nahrung versus Qualitätslebensmittel

Eine Lanze für natürliche Ernährung wurde bei einer Kongress-Veranstaltung rund um ‚Fake Fleisch‘ gebrochen. „Müssen wir alles, was wir können, auch umsetzen?“, fragte bioPress-Herausgeber Erich Margrander. Dass rein pflanzliche Produkte in puncto Umweltfreundlichkeit oft besser abschneiden als Reaktorprodukte, erklärte Claudia Vaderna, Geschäftsleiterin der Schweizer Allianz Gentechfrei (SAG). Statt Reaktorfleisch brauche es mehr Diversifizierung mit Blick auf alternative Proteine. Für lebendige Tiere in lebendigen Landschaften plädierte der Nachhaltigkeitsexperte Franz-Theo Gottwald und warnte allgemein vor ‚Performance Food‘ als Teil eines neuen mechanistischen Paradigmas. „Die Produktion hat die Leute dazu gebracht, mehr Fleisch zu essen – nicht umgekehrt“, brachte sich Agrarwissenschaftler Hardy Vogtmann aus dem Publikum in die Diskussion ein und sprach sich für die flächengebundene Tierhaltung aus.

Wäre es ein Ansatz, Kunstfleisch zu verbieten, wie Ungarn und Italien es vorgemacht haben? Ein solches Verbot wäre bei uns wahrscheinlich nicht durchsetzbar, vermutet Margrander. Man könne aber mit dem Finger auf Fake-Nahrung zeigen und die Koexistenz verweigern. Wichtig sei es, Konsumenten nicht zu täuschen und ihnen nicht vorzugaukeln, dass alle Ersatzprodukte besser seien als solche aus Tierhaltung, meinte Vaderna. Eine Sensibilisierung für ökologische Qualitäten und die Wirkung von Lebensmitteln wünscht sich Gottwald. Die Politik habe die Aufgabe, ein Verständnis für Lebensmittelqualität durch Bildungsmaßnahmen vom Kindergarten an zu vermitteln.

Neue Gentechnik: Verbraucherschutz auf der Kippe

Der Schutz von Verbrauchern stand auch bei Kongress-Veranstaltungen rund ums Thema Neue Gentechnik (NGT) im Mittelpunkt. Im Mai wird das EU-Parlament über das Trilog-Ergebnis zur Gentechnik-Deregulierung abstimmen. Im Paket enthalten ist bis dato der Wegfall der Kennzeichnungspflicht auf Endproduktebene für einen Großteil der NGT-Erzeugnisse – ebenso wie der Wegfall der Risikoprüfung. „Bisher gab es eine doppelte Absicherung für Verbraucher. Jetzt werden beide Ebenen abgeräumt“, folgerte Friedhelm von Mering, Teamleitung Politik und Recht beim Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW). 

Als „komplett wirtschaftsfeindlich“ bezeichnete Alexander Hissting, Geschäftsführer des Verbands Lebensmittel ohne Gentechnik (VLOG), die Deregulierungspläne. Es sei eine „gnadenlose Ungerechtigkeit“, wie die gentechnikfreie Produktion dadurch kompliziert werde. Wer Produkte auf den Markt bringt, sei haftbar für mögliche Schäden durch Gentechnik; für eine gentechnikfreie Lieferkette müsse man sich neu erfinden. Wenn die Kosten der Gentechnik-Freiheit auf Nicht-Anwender fallen, sei das ein gefährlicher Weg, stimmte der Grünen-EU-Abgeordnete Martin Häusling zu. Für ihn steht außer Frage, dass die neue Verordnung am Ende des Tages vor dem Europäischen Gerichtshof (EuGH) landen wird. Und wie von Mering klarstellt: Juristisch sei der Gesetzestext so schlecht, dass der EuGH ihn eigentlich komplett ablehnen müsste.

Breite Kritik – auch von Befürwortern der NGT-Deregulierung – gibt es zur Möglichkeit der Patentierung, durch die Experten eine Flut von Patenten befürchten. „Was keine Erfindung ist und in der Natur so vorkommen könnte, sollte auch nicht patentierbar sein“, betonte Stephanie Franck, Vorsitzende des Bundesverbands Deutscher Pflanzenzüchter. Könnten Züchter Saatgut bislang ohne Recherche frei kreuzen, könnte im Vorfeld bald eine intensive Patentrecherche nötig sein. Die Sortenverfügbarkeit werde durch Patente abnehmen und eine Monopolisierung sei zu erwarten, warnte Herbert Völkle, Geschäftsführer der BioSaat GmbH. Einen dysfunktionalen Markt mit keiner Handvoll verbliebenen Züchtern stellte Johann Meierhöfer, Fachbereichsleiter Pflanzliche Erzeugung beim Deutscher Bauernverband, in Aussicht. Dabei sei Europa mit seiner vielfältigen Züchterlandschaft im Bereich Saatgut bislang einmalig, betonte Häusling. Indem man sich in noch mehr Abhängigkeit von den USA begebe, würden Riesenchancen vergeben. 

Lena Renner
 

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