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Kriegen wir noch was raus?

Online-Seminar

Kriegen wir noch was raus? © Ukraine Arnika Organic

Wie groß die Auswirkungen des Ukraine-Krieges genau sind und welche Lösungsmöglichkeiten es gibt, zeigte vor der Biofach ein gemeinsames Online-Seminar der Gesellschaft für Ressourcenschutz (GfRS), des Forschungsinstituts für Biologischen Landbau (FiBL) im Rahmen des vom Schweizer Staatssekretariat für Wirtschaft SECO finanzierten Programms OT4D und des Büros Lebensmittelkunde und Qualität GmbH (BLQ) am 19. Juli 2022.

Die drei referierenden Fachleute aus der ukrainischen Agrarwirtschaft gaben sehr konkrete und praxisnahe Einschätzungen zur aktuellen Situation und den Entwicklungsszenarien. Alle gehen von einer weiteren Verschärfung der Situation aus, je länger der Krieg andauert. BLQ, FIBL und GfRS planen daher im Winter 2022/23 ein Update zur Lage in der Ukraine.

Große Herausforderungen: Bio-Qualitätssicherung und Logistik
Wie kaum anders zu erwarten, verursacht die Kriegssituation zusätzliche Herausforderungen bei der Qualitätssicherung und Zertifizierung von Bioprodukten. Unterstützend wirke, dass die EU die Zertifizierung von Bioprodukten aus der Ukraine vorübergehend vereinfacht hat, ohne dass damit bisher ein wesentlicher Qualitätsverlust der Kontrollen verbunden war, so Sergiy Galashevskyy, Geschäftsführer der größten ukrainischen Zertifizierungsstelle ‚Organic Standard‘. In den Gebieten der Ukraine, die durch Kriegshandlungen unmittelbar betroffen sind, können nur unter großen Schwierigkeiten Vor-Ort-Kontrollen durchgeführt werden.

Anastasiia Bilych zeigte die Praxis des Großunternehmens Arnika Organic bei der logistischen Unterstützung und über verschiedene Logistikwege. LKWs seien derzeit genauso rar wie das Fachpersonal. Die Auslieferung über den Schienengüterverkehr sei grundsätzlich eine interessante Ergänzung zum Seeweg, die Bahnwaggons sind in der Ukraine derzeit jedoch sehr knapp geworden. „Je nach Lieferziel haben sich die Logistikkosten für Arnika mehr als verdoppelt. Importeure können unterstützend wirken, wenn sie eigene Waggons oder LKWs an die Grenze zur Ukraine schicken!“

Bilych berichtete, dass Waren von Arnika, die in Kherson gelagert wurden, von den russischen Besetzern blockiert wurden und deren Verbleib völlig ungewiss ist. Sie appelliert deshalb, dass Importeure von Bioware aus Osteuropa besonders genau auf die Lieferscheine und Herkünfte bis zurück zum Feld schauen sollen, damit gestohlene Bioprodukte aus der Ukraine keinen Markt finden.

Sichere Seewege und Investitionen in die Versorgungssicherheit

„Ohne die Wiederöffnung und den Wiederaufbau der Seehäfen funktioniert der Export nicht!“, stellte Dr. Alexander Lissitsa, Präsident des wichtigsten Vereins der Ukrainischen Agrarindustrie, des ‚Ukrainian Agribusiness Club‘ (UCAB), in seinen Ausführungen klar und unterlegte diese mit eindrücklichen Zahlen: „Vor dem russischen Angriffskrieg seit Februar 2022 und der Blockade oder Zerstörung fast aller Hafenanlagen konnten jährlich rund 140 Millionen Tonnen Agrarprodukte über die ukrainischen Häfen umgeschlagen werden. Aktuell sind es nur noch 25 Millionen Tonnen, die über nur noch einen offenen Hafen, über LKW und über die Bahn exportiert werden müssen.“

Diese Situation werde dazu führen, dass die Betriebe die Restmengen aus der Ernte 2021 nicht vermarkten können und zusätzlich noch die Ernte 2022 eingelagert werden müsste. Lagermöglichkeiten stehen den meisten Betrieben jedoch kaum zur Verfügung. Die Probleme seien der EU bekannt, eine Lösung und finanzielle Unterstützung aber noch nicht in Sicht. „Erst 2023 werden wir die wirklichen Konsequenzen erfahren“, warnte Lissitsa mit Blick auf die Auswirkungen des russischen Angriffskriegs auf die ukrainische Produktion, Logistik und damit die Exportkapazitäten sowohl in Bio- wie konventioneller Qualität. Die Erntemengen bei Mais, Sojabohnen, Sonnenblumen und Weizen, den wichtigsten landwirtschaftlichen Exportprodukten der Ukraine, werden nach Schätzung von Lissitsa 2022 zwischen 20 bis 40 Prozent niedriger liegen. „Dank Liquiditätsreserven aufgrund der außerordentlich guten Ernte 2021 schaffen es die meisten landwirtschaftlichen Betriebe derzeit noch, operativ bleiben zu können.“

Peter Jossi

Bildstrecke: Biofach Ukraine
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Bildstrecke: Biofach 2022_Ukraine