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Direktvermarktung aus dem Süden

Crowdfarming verspricht Transparenz auf Vertrauensbasis

Direktvermarktung aus dem Süden © Crowdfarming
Frühe Bio-Avocados aus Almuñecar bietet der Landwirt José Antonio Fajardo der Crowdfarming-Community. Die nächste Lieferung ist für Oktober geplant, seit diesem Jahr sind die Früchte EU-Bio-zertifiziert.

Frische Bio-Mangos direkt aus Spanien für deutsche Verbraucher, eine Abnahmegarantie und mehr Planungssicherheit für die Landwirte sowie weniger Lebensmittelabfälle in der Obstbranche. Das bietet die Crowdfarming GmbH mit ihrer Online-Plattform ihren Kunden. Sie können dort einen Orangenbaum adoptieren oder eine Kiste Bio-Wein erwerben – direkt beim Erzeuger.

Die Idee zu Crowdfarming stammt von den Brüdern Gabriel und Gonzalo Úrculo, die eine Orangenplantage der Familie nördlich von Valencia geerbt haben. Gemeinsam mit Juliette Simonin und Moisés Calviño haben sie das Unternehmen 2017 ins Leben gerufen. Ursprünglicher Auslöser waren Ernteprobleme, die ein neues Geschäftsmodell nötig machten. Zunächst verschickten die Spanier ihre Orangen daraufhin paketweise an Freunde und Bekannte. Ein Jahr später hatten sie Adoptivpaten für alle ihre Bäume in ganz Europa gefunden.

Heute können Kunden von den beteiligten Landwirten auch Clementinen- oder Mangobäume, einen Bienen- oder Rebstock oder sogar eine Kuh adoptieren. Für einen festgelegten Betrag erhalten sie anschließend in jeder Saison eine garantierte Ernte- oder Produktmenge. Ein Kalender gibt Auskunft über die voraussichtlichen Liefertermine.

Zum ursprünglichen Modell ist inzwischen auch die Möglichkeit gekommen, Bestellungen kistenweise aufzugeben, anstatt eine dauerhafte Patenschaft zu übernehmen.

Aufklärung führt zu Verständnis

Mit Werbeflächen in mehreren Großstädten wie Berlin, Hamburg, Köln und Stuttgart, Fernsehkampagnen und vielfältigem Social Media-Marketing erlangte das Startup in Deutschland Aufmerksamkeit. Zahlreiche Youtube-Videos wurden mittlerweile gedreht, in denen sich das Crowdfarming-Team mit Experten über die Nachhaltigkeit von Avocados unterhält oder ihre ‚Farmeneurs‘, die teilnehmenden Farmer, vorstellt.

Die vielschichtige und transparente Kommunikation zahle sich durch verständnisvolle Kunden aus, die über die saisonale Verfügbarkeit und Ernteschwierigkeiten ihrer Wunschware Bescheid wissen und gegebenenfalls lange Lieferzeiten in Kauf nehmen. Crowdfarming sieht sich dabei auch als Aufklärer.

„Der edukative Gedanke ist uns wichtig. Wir wollen den Leuten zeigen, weshalb Orangen nicht das ganze Jahr Saison haben oder wie Pistazien wachsen. Und wir wollen positive sowie negative Nachrichten mit den Käufern teilen, das führt zu Verständnis und einer guten Beziehung“, meint Juliette Simonin gegenüber der Schweizer Bauernzeitung.

Bio-Preise von hoch bis normal

Für Bio-Mandeln aus dem andalusischen ‚Cortijo Chirlata‘ ist die nächste Lieferung nach Deutschland bei einer Adoption erst kurz vor Weihnachten möglich (Stand: Mai 2022). Auch philippinische Schokoladentafeln von ‚Serges Farm‘, die sich gerade in der Umstellung auf Bio befindet, gibt es erst im Dezember – dafür im Paket mit der vollen Auswahl von ungesüßten Kakaonibs bis zu Milchschokoladenmünzen. Mit 87 Euro pro Ernte zahlt ein Adopteur aktuell bei einer Lieferung gut sieben Euro pro 100 Gramm für den nachhaltigen Genuss.

Südländische Bio-Früchte sind im Direkthandel über Crowd-farming dagegen etwa gleichpreisig zu dem, was der Einzelhandel bieten kann. Spanische Bio-Avocados rangieren zwischen acht bis neun Euro pro Kilogramm und können kistenweise geliefert werden. Die Orangen, mit denen alles begann, stehen für drei bis fünf Euro pro Kilogramm in Bio-Qualität zur Verfügung.

Transparenz bis zu Hofbesuchen

An Etiketten auf den Profilen der Anbieter können Kunden sehen, ob es sich um Jungfarmer, einen kleinen Betrieb oder Familienbetriebe handelt, Pestizide im Anbau oder Plastik in der Verpackung verwendet werden, Besuche möglich sind und ob bereits ein Bio-Zertifikat erlangt wurde. Wer will, kann dem Produzenten zudem online Fragen stellen oder ihn direkt besuchen.

Mit einer Filterfunktion lässt sich nach den Kategorien Bio, Biodynamisch, Frei von BPA, Ohne Pestizide, Ohne Plastik oder auch nach ‚Produkten mit tiefen Wurzeln‘ gezielt fahnden. Dazu kann man das Land des Produzenten auswählen. Der Preis und das geplante Lieferdatum werden schon auf der Liste der Suchergebnisse angezeigt.

Status Quo

Seit der Gründung ist das Konzept gewachsen und floriert weiterhin. 69 Neuanstellungen und damit insgesamt 134 Mitarbeiter verzeichnete das Startup im vergangenen Jahr. 378 Landwirtschaftsunternehmen und -projekte aus zwölf Ländern boten 2021 auf der Plattform ihre Ware feil. Momentan sind rund 200 Erzeuger auf Crowdfarming aktiv. Spanien ist nach wie vor das wichtigste Herkunftsland.

Drei Viertel der Landwirte bauen ihre Ware in Europa an, dazu gibt es auch noch wenige Produkte aus Übersee, für Kaffee und Kakao: Kolumbien, Philippinen oder der karibische Inselstaat Grenada. Prinzipiell wolle das Unternehmen aber seine Aktivitäten innerhalb der EU ausbauen, gerade kämen etwa viele Landwirte aus Frankreich und Deutschland dazu, so die Pressesprecherin.

Laut des Redaktionsnetzwerks Deutschland gaben 90 Prozent der teilnehmenden Bauern an, durch Crowdfarming ihre Einnahmen erhöht zu haben. Knapp 80 Prozent erklärten, ihren Angestellten nun mehr Lohn zahlen zu können, und über 70 Prozent sagen, dass sie zusätzliche Arbeitsplätze geschaffen haben. Nicht zuletzt konnte die Plattform auch vom Aufschwung des Online-Handels durch Corona besonders profitieren. Von 2020 bis 2021 wurde ein Umsatzwachstum von 115 Prozent erreicht.

Die Zahl der aktiven Adoptionen lag bei über 180.000, die Zahl der Einzelkunden, die 2021 einen Kauf über die Crowdfarming-Plattform getätigt haben, bei 280.000. Beliefert werden können aktuell alle Länder der Europäischen Union, die Schweiz, Großbritannien, die Zwergstaaten San Marino, Liechtenstein und Monaco. Rund 70 Prozent des Umsatzes wird in Deutschland erwirtschaftet.

12.000 Tonnen Lebensmittel, 63 Prozent Bio

Als Produktkategorien sind neben Früchten mittlerweile auch Milchprodukte, Fette und Öle, Gemüse und Hülsenfrüchte, Getreide, Süßes, Gewürze, Getränke und mehr verfügbar. Über 12.000 Tonnen Lebensmittel wurden im letzten Jahr über Crowdfarming versendet, rund drei Viertel davon waren pflanzlichen Ursprungs. 63 Prozent stammten bereits aus ökologischem Anbau, zwölf Prozent trugen ein Demeter-Zertifikat.

Das Crowdfarming-Team bietet den Erzeugern Unterstützung dabei, auf ökologische Landwirtschaft umzustellen und recyclingfähiges Verpackungsmaterial zu finden. 850 Hektar Agrarland der teilnehmenden Betriebe seien 2021 auf Biolandwirtschaft umgestellt worden.

Innerhalb Europas wird alles per Lastwagen verschickt, die laut Nachhaltigkeitsbericht mit 90 Prozent der durchschnittlichen Kapazität fahren. 66 Prozent der im Jahr 2021 verkauften Einheiten seien in plastikfreien Verpackungen geliefert worden. Geschätzt wurden im letzten Jahr durch die Abnahme der Paten 900 Tonnen Lebensmittelabfälle vermieden.

Im April hat die Crowdfarming GmbH eine neue Zusammenarbeit mit Paypal verkündet, um Konsumenten ei-ne noch schnellere und ein- fachere Zahlungsmöglichkeit zur Verfügung zu stellen. Für die Betriebssysteme iOS und Android steht eine kostenlose App parat.

Vertrauen statt Kontrollorgane

Während Kritiker das Fehlen von zwischengeschalteten Kontrollorganen bemängeln, steht für Crowdfarming die Vertrauensbasis zwischen Landwirten und Paten im Mittelpunkt des Konzepts. Das Team prüfe jede Anfrage genau, aber wichtiger als Label seien dabei die Betriebsphilosophie und eine nachhaltige Produktion. Bio-Kunden können sich auf dieselbe Kontrolle wie auch sonst bei den gesiegelten Produkten in den Regalen verlassen und erhalten einen kurzen und transparenten Lieferweg zu nicht-regionalen Waren.

Gerade kleinstrukturierte Bio-Landwirte und Jungunternehmer, die sich einen sicheren Absatzkanal wünschen, bei dem sie keine riesigen Mengen an Großverteiler abliefern müssen, können vom Modell der Gebrüder Úrculo profitieren.

Lena Renner
 


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