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Nährwerte zählen? Vollwertig Essen bedeutet so viel mehr!

Nährwerte zählen? Vollwertig Essen bedeutet so viel mehr! © obs / bofrost

Vollwertig zu essen und zu trinken hält nicht nur gesund. Es fördert auch unsere Leistung und unser Wohlbefinden. Eine Vielfalt vornehmlich an pflanzlichen Lebensmitteln zu genießen, Zucker und Salz einzusparen, Nahrung schonend zuzubereiten und wenig Verarbeitetes zu essen gehört zu den Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE). Doch obwohl diese Empfehlungen schon seit vielen Jahren bestehen, scheinen sie nicht zu greifen. Die Anzahl an Menschen, welche an Adipositas, Diabetes mellitus Typ 2 oder weiteren ernährungsbedingten Erkrankungen leiden, nimmt stetig zu.

Um den Menschen bei einer gesunden Ernährung zu unterstützen, sollen daher zusätzliche Informationen auf der Verpackungsvorderseite von Produkten helfen. Dafür wurde 2017 der Nutri-Score in Frankreich ins Leben gerufen. Seit Beginn 2021 nutzen auch in Deutschland Unternehmen die Nährwertkennzeichnung, um ihre Produkte zu bewerben. Der Nutri-Score allein genügt jedoch nicht, um eine ganzheitliche Perspektive auf unser Essen zu bekommen und damit eine gesündere Wahl zu treffen. Dazu braucht es mehr als das Zählen einzelner Nährwerte, nämlich einen Blick auf unsere gesamte Ernährung und den kompletten Lebenszyklus eines Produktes, wie zum Beispiel den Verarbeitungsgrad, eingebettet in seine Umwelt.

Die Assoziation ökologischer Lebensmittelhersteller (AöL) animiert zu diesem ganzheitlichen Blick und empfiehlt andere Instrumente zur Aufklärung der Verbraucherinnen und Verbraucher für eine vollwertige Ernährung.

Der Nutri-Score an seinen Grenzen

Seit 2017 prangt der Nutri-Score auf den Produkten vornehmlich großer Lebensmittelunternehmen in der EU. In Deutschland brachte Danone erstmals im Februar 2019 seine ‚Fruchtzwerge‘ mit der damals noch stark diskutierten Nährwertkennzeichnung auf den Markt. Iglo folgte, indem der Hersteller den Nutri-Score aller seiner Produkte auf der Webseite veröffentlichte.

Die Verordnung zur Einführung des Nutri-Scores in Deutschland ist am 05. November 2020 in Kraft getreten. Damit wurde die rechtliche Grundlage geschaffen, um den Nutri-Score als Nährwertkennzeichnungsmodell freiwillig zu verwenden. In Frankreich und Belgien wird der Nutri-Score bereits verwendet. Spanien und Portugal wollen nachziehen. In seiner fünfstufigen Farbskala werden problematische Bestandteile eines Lebensmittels, wie gesättigte Fettsäuren, Salz, Zucker und Energiegehalt, genauso einberechnet wie günstige Bestandteile (Ballaststoffe, Proteine, Obst, Gemüse, Nüsse). Das Nährwertkennzeichnungssystem wurde in einer Befragung des BMEL von 90 Prozent der befragten Verbraucherinnen und Verbraucher als „schnell und intuitiv verständlich“ angepriesen und ist bereits jetzt bei vielen Konzernen Werbemittel Nummer eins.

Das Problem des Nutri-Score liegt dabei jedoch auf der Hand: Das System wurde geschaffen, um „auf einen Blick“ zu entscheiden, „welche Tiefkühlpizza oder welches Frühstücksmüsli die bessere Wahl ist“ (Beitrag der Verbraucherzentralen im November 2020). Zum einen besteht die Gefahr, dass die Menschen das Produkt, dass mit einem ‚A‘ oder ‚B‘ gekennzeichnet ist, generell als zu empfehlendes Produkt wahrnehmen. Zum anderen gibt das Zählen einzelner Nährwerte niemals Auskunft über die Gesundheit eines Produktes, geschweige denn seine Herkunft oder den gesamten Herstellungsprozess. Zusätze wie Süß-, Farb- und Konservierungsmittel werden nicht berücksichtigt, sodass am Ende beispielsweise eine Cola light eine bessere Bewertung erhält als ein ökologischer, direkt gepresster, aus regionalen Zutaten bestehender Fruchtsaft. Hinzu kommt, dass im Sinne einer vollwertigen Ernährung nicht einzelne Nährwerte eines Produktes entscheidend sind, sondern die Kombination aller Lebensmittel, die wir zu uns nehmen. Eine Cola und ein Fruchtsaft sollten dabei generell nicht als tägliches Getränk dienen.

Durch die Farbkodierung des Nutri-Score wird zudem die Botschaft gesandt, dass es sich um eine qualitative Bewertung eines Lebensmittels handelt, und ein Produkt mit einem A immer gesünder ist als ein Produkt mit einem D. Die Tatsache, dass ein Erfrischungsgetränk mit Zuckerersatzstoff, eine Tiefkühlpizza, ein Speiseeis oder ein Weißbrot ein A im Nutri-Score erhalten können, während ein handwerklich hergestellter Käse, ein Direktsaft oder natives Olivenöl ein D erzielen, zeigt die Absurdität hinter der Aussagekraft eines solchen Kennzeichens. Aus Sicht der allgemeinen Ernährungsempfehlungen aus den nationalen Gesellschaften für Ernährung wird eine solche Kennzeichnung für Verbraucherinnen und Verbraucher eine falsche Kaufentscheidung zur Folge haben.

Alles in allem sorgt der Nutri-Score systematisch für eine falsche Ernährungsumgebung, wie sie der wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung beschreibt.

Zur Ernährung gehört mehr: eine passende Umgebung schaffen

Um die Menschen umfassend aufzuklären und sie auf ihrem Weg zu einer vollwertigen Ernährung zu unterstützen, braucht es mehr.
Zunächst einmal entspricht es unserer Natur, auch natürliche Lebensmittel zu verzehren. Hochverarbeitete Produkte können Genussmittel sein oder als schnelle Lösung an stressigen Tagen dienen, aber niemals eine ausgewogene Ernährung ersetzen. „Lasst unsere Nahrung so natürlich wie möglich“ formulierte schon Vollwert-Ernährungspionier Werner Kollath. Kollath rät, einfach und mäßig zu essen, jedoch vollwertig und abwechslungsreich, wohldurchdacht zubereitet und zusammengestellt, nicht zu heiß und nicht zu kalt und nur wenn man wirklich Hunger hat. Außerdem pflanzliche Nahrung zu bevorzugen, Konserven, Präparate und Genussmittel zu meiden, sich ausreichend zu bewegen usw. Mit seinen Empfehlungen legt Kollath den Grundstein für unser Verständnis einer vollwertigen Ernährung heute.

Ökologische Lebensmittel basieren im Kern auf genau diesem naturalistischen Ansatz. Dieses Konzept setzt konzeptionell auf dem Verarbeitungsgrad der Lebensmittel auf. Durchaus davon ausgehend, dass natürliche und wenig verarbeitete Lebensmittel von den Verbraucherinnen und Verbrauchern sicherer in einen gesunden Ernährungsstil eingebunden werden können und damit zu einer gesunden Ernährung beitragen. Hoch- und ultrahochverarbeitete Lebensmittel haben oft den gegenteiligen Effekt und setzen Anreize für ungesunde Ernährungsstile.  Studien aus zum Beispiel den Niederlanden oder Deutschland (Nationale Verzehrstudie) demonstrieren eindrücklich den Zusammenhang zwischen ökologischen Lebensmitteln und gesunden Lebens- und Ernährungsstilen. Um sich an der Verarbeitungstiefe eines Produktes zu orientieren und so eine Entscheidung über sein eigenes Essen treffen zu können, empfehlen wir den Menschen, sich an der NOVA-Klassifizierung oder dem Konzept ‚die Ordnung der Nahrung‘ zu orientieren. Dort werden Lebensmittel in Empfehlungskategorien eingeteilt, die auf ihrem Verarbeitungsgrad basieren.

Der Verzehr von hochverarbeiteten Produkten wird mit einer ungesunden Ernährung und dem entsprechend höheren Risiko von ernährungsbedingten Erkrankungen in Verbindung gebracht.  Die NOVA Klassi- fizierung könnte damit für Verbraucherinnen und Verbraucher eine wesentlich bessere Orientierung bieten und würde sich zudem mit den Empfehlungen der Ernährungswissenschaft decken.

Informationen über Nährwerte stehen den Menschen ausreichend zur Verfügung. Das ist nicht die entscheidende Baustelle, um Verbraucherinnen und Verbraucher zu unterstützen. Es mangelt vielmehr an der Befähigung, diese Informationen korrekt zu bewerten. Ein wichtiger Leitsatz aus der Ernährungswissenschaft lautet: „Es gibt keine ungesunden Lebensmittel, nur eine ungesunde Ernährung“. Um Entscheidungen für oder gegen eine gesunde Ernährung zu treffen, müssen Verbraucherinnen entsprechend gebildet sein. Dazu gehören außerdem die Reglementierung von Werbung, Bildung und Kampagnen für nachhaltige Ernährungssysteme, der Ausbau öffentlicher Versorgungsstrukturen und vieles mehr. Es gilt, eine Ernährungsumgebung zu schaffen, die Mensch, Tier und Natur gleichermaßen dienlich ist. Wenn wir das angehen, ist viel, wenn nicht sogar alles, gewonnen.

Anne Baumann


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