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Ernährungspolitik

Ernährungswende befördert Agrarwende

30 Prozent Bio in Kitas und Schulen will der 2. Öko-Aktionsplan erreichen

Beim virtuellen Öko- und Ernährungskongress 2020 wurde der neue Öko-Aktionsplan für Rheinland-Pfalz vorgestellt. Zudem tauschten sich Experten aus Theorie und Praxis rund um die Entwicklungen des Öko-Landbaus und der Gemeinschaftsverpflegung in Rheinland-Pfalz aus.

Seit dem 1. Öko-Aktionsplan 2018 sei die ökologisch bewirtschaftete Fläche um fast 6.000 Hektar gestiegen, freute sich die rheinland-pfälzische Umweltministerin Ulrike Höfken. Fast zehn Prozent der Betriebe in Rheinland-Pfalz wirtschafteten aktuell ökologisch. Als Handlungsfelder des ersten Aktionsplans wurden Aus- und Weiterbildung, die Verbesserung der ökologischen Erzeugung sowie die Honorierung der Leistungen des ökologischen Landbaus etabliert. Zudem wurden drei Pilotregionen eingerichtet und 40 Maßnahmen festgehalten.

Von der Umsetzung des 1. Öko-Aktionsplans in der Praxis berichtete Julia Arndt, die Leiterin des Kompetenzzentrums Ökologischer Landbau (KÖL). Neben individueller Umstellungsberatung wurde etwa ein Sä- und Hackroboter im Zuckerrübenanbau, wo sonst sehr viel Handarbeit nötig ist, getestet. Außerdem bekamen Berufs- und Fachschüler Grundlagen und detaillierte Infos zum Ökolandbau vermittelt.

Der 2. Öko-Aktionsplan beinhaltet nun acht neue Maßnahmen, wie Höfken erläuterte. Der erste Aktionsplan wurde mit ihm überprüft, angepasst und weiterentwickelt. So soll das neue Label ‚Partnerbetrieb Tierschutz Rheinland-Pfalz‘ gute Tierhaltung sichtbar machen. Bei der Umsetzung der neuen Öko-Verordnung sollen die Betriebe Unterstützung erfahren.

Außerdem soll der Bio-Anteil in Kitas, Schulen und Landeskantinen stufenweise auf 30 Prozent erhöht werden. Dafür sind vielfältige Ernährungsbildungsmaßnahmen geplant. „Die Gemeinschaftsverpflegung hat ein besonders hohes Potenzial, um den ökologischen Landbau weiter nach vorne zu bringen“, betonte Höfken. Schließlich seien Kinder und Jugendliche, Senioren und Arbeitnehmer täglich damit konfrontiert.

Auf dem Weg zu mehr Bio

Um das 30-Prozent-Ziel zu erreichen, wurde etwa das Pilotregionen-Projekt ‚Nachhaltige Kita- und Schulverpflegung‘ aufgebaut. Es strebt die Einführung der DGE-Qualitätsstandards sowie die Umstellung auf 30 Prozent Bio und 50 Prozent regional an. Zu diesem Zweck finden runde Tische statt, bei denen sich alle beteiligten Akteure miteinander beraten können. Es werden Fortbildungen, Workshops und Webinare angeboten. 116 Grundschulen haben am ‚ABC der Lebensmittel‘ teilgenommen – einer Unterrichtsreihe, die gesundes Essen, die Zubereitung von Speisen sowie Esskultur thematisiert.
Als Vorbild für andere Städte stellte Margit Gottstein, die Staatssekretärin für Verbraucherschutz und Antidiskriminierung Berlins, die Berliner Ernährungsstrategie vor. „Die Ernährungswende in Städten befördert die Agrarwende auf dem Land“, ist sie überzeugt. Dabei sei die Marktmacht von Großverbrauchern entscheidend. In Berlin wurde die Ernährungsstrategie im Sommer 2020 verabschiedet.

Für das aktuelle Schuljahr wurde in langen Verhandlungen bereits ein verpflichtender Bio-Anteil von 30 Prozent beim Essen in Berliner Grundschulen erreicht. Für das nächste Jahr ist eine Steigerung auf 50 Prozent geplant. Zudem ist die Verpflegung für die Grundschüler kostenlos. Gottsteins Tipp für andere Städte und Kommunen: Die Ernährungsstrategie müsse möglichst hochrangig politisch festgemacht und in konkreten Projekten umgesetzt werden.

Von den vergaberechtlichen Vorgaben bei der Beschaffung erzählte Christopher Zeiss, Professor für Staats- und Europarecht an der Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung Nordrhein-Westfalen. So sei es sogar zulässig, einen Bio-Anteil von 100 Prozent auszuschreiben und einzelne Lebensmittel, wie zum Beispiel Palmöl, auszuschließen. Auch Tierschutzvorgaben dürfen gemacht werden, solange sie direkt mit dem bezogenen Produkt zu tun haben. Dagegen ist es vergaberechtlich nicht zulässig, Regionalität vorzuschreiben. Umgangen werden kann diese Einschränkung eventuell über die Forderung eines regionalen Siegels oder die Vorgabe von maximalen Warmhaltezeiten.

Jan Plagge, Präsident von Bioland, ging auf das ewige Verbraucherdilemma ein: Landwirtschaft soll Bio und klimafreundlich sein – aber gleichzeitig auch möglichst billig. Zurzeit pusht Corona den Einkauf von Bio-Obst und -Gemüse. Wenn die Leute öfter zu Hause kochen, entscheiden sie sich offenbar auch öfter für Bio. Dieser nachhaltigere Konsum werde auch nach Corona bleiben – so die optimistische Prognose Regino Eschs, Bio-Landwirt und Co-Vorsitzender der Assoziation ökologischer Lebensmittelhersteller (AöL).

Lena Renner


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