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Editorial

Editorial Ausgabe 107/April 2021, 2. Quartal

Liebe Leserinnen, liebe Leser.

In diesem Frühjahr hat Corona die Lebensmittel- und Biobranche nun doch noch getroffen. Das Kernelement, sehen und gesehen werden, Neuheiten präsentieren und Neues entdecken, Hände schütteln und Ideen austauschen, in die Augen schauen und Geschäfte verabreden oder einfach durch die Gänge streichen in der Absicht, von all dem das eine oder andere zu treffen: Das Meiste war reduziert auf unterschiedliche digitale Veranstaltungen vom spannenden Expertentalk wie auf der während der IGW von den Grünen initiierten Online-Reihe 'Zukunft der Landwirtschaft' über digitale Weinverkostung auf dem Biofach eSPECIAL mit im Vorfeld verschickten Proben bis hin zu reißerischen Kochshows von den auch im Biosegment tollkühn auftrumpfenden Marketing Besessenen. Der versprühte Optimismus ließ die Lücken im System dann doch nicht ganz ungesehen.

Vergleiche zwischen dem digitalen Rundgang der Landwirtschaftschefin auf der Biofach und den von den Grünen und der Biobranche gesetzten Themen im Netz zeigen eindeutig die Stärken digitaler Kommunikation. Vom Schreibtisch aus konnten Experten verfolgt werden zur 'Ernährungswende jetzt!', 'Agrarökologie statt Gentechnik – Wie ernährt sich die Welt' oder zur 'Bio-Bilanz: Daumen runter' des BÖLW, dem 'Green Deal 2030 – Impuls für die Agrar- und Ernährungswende' im Bioland-Podiumsgespräch, um nur einige zu nennen. Fragen im Chat bezogen auch das Publikum mit ein. Und das hat gut funktioniert.

In diesem spannenden Frühjahr war viel von Transformation die Rede im 'Kritischen Agrarbericht 2021' und in der Grünen Diskussion 'Gemeinwohlprämie statt Flächensubventionen' in der Landwirtschaft. Ein Feuerwerk politischer Aufbruchstimmung, die schon in diesem Frühjahr die Richtung angibt, in der wir den Wahlherbst erleben werden.

Das Anuga 2021-Motto Transform mit Themen wie der Notwendigkeit des globalen Wandels des Ernährungs- und Ökosystems mithilfe von Food Trends, in denen Ökologische Lebensmittel nicht angesprochen werden, erscheint in dieser Betrachtung als eher abgeschnitten. Ob Health Foods, Free From, Plant-based Proteins, Alternative Fleischprodukte oder Clean Label, sie alle ergeben nur Sinn, wenn sie mit der Natur und nicht als denaturierte Lebensmittel den Markt bedienen wollen. Schauen wir also auf das Drittel der Anuga Aussteller, die seit Jahren immer mehr Bioprodukte in Köln präsentieren.

Neben der Transformation der Landwirtschafts-, Ernährungs- und Gesundheitspolitik muss auch die Vermarktung von Lebensmitteln eine neue  Dimension erreichen: die Transformation des Handels. Nachhaltige Lieferketten vom Acker auf die Teller gehen nur mit dem Handel. Gesundes Bio-Essen in der Gastronomie und der Außer-Haus-Verpflegung sind ebenso Grundpfeiler eines erneuerten Ernährungs- und Ökosystems wie die Fähigkeit und Bereitschaft der Kaufleute, gesunde Lebensmittel jetzt in die Hände zu nehmen und ihre Regale damit zu bestücken.

Die Biobranche ist seit vielen Jahrzehnten Vorreiter dieser Transformation(en): Vegetarische Lebensmittel und Gesundheitsfood aus Reformhäusern und Agrochemiefreies von Hofläden der Biobauern und später in den Bioläden und Bio-Supermärkten. Immer wieder haben Innovationen der Biobranche den Lebensmittelmarkt aufgewühlt und zu Veränderungen bewegt, bis die Konsumenten diese Bio-Produkte jetzt auch im Mainstream erwarten. Die Lebensmittelindustrie hat das verstanden und besetzt diesen Markt mit immer neuen Ideen, die jedoch oft auch wenig mit den Versprechen zu tun haben, die gegeben werden. Nachhaltigkeit hat eben absolut nichts mit zellulärer Landwirtschaft/Fleischproduktion aus der Retorte zu tun, das dem Tierwohl dienen soll, nur weil die Tötungen dabei wegfallen. Ob Mensch sich mit künstlichen Nährwerten wirklich gesund ernährt, ist mehr als zweifelhaft.

Erich Margrander
Herausgeber


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