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Nachhaltigkeit

Zukunftsperspektiven für Gesellschaft und Ernährungspartnerschaften

Möglichkeiten der Biobranche

Mitten im Corona-Lockdown im April 2020 präsentierte das International Panel of Experts on Sustainable Food Systems (IPES) konkrete Empfehlungen als Orientierung für die kurz- und langfristige Zukunftsentwicklung. Die weltweite Biobranche hat es in der Hand, für die derzeit allgemein ersichtlichen Herausforderungen Zukunftsmodelle weit über das Bioregal hinaus zu bieten.

Die andauernde „Corona-Krise“ zeigt: Gesellschaften mit starken rechtstaatlichen und demokratischen Traditionen bewähren sich in aller Regel überdurchschnittlich gut. In der akuten Lockdown-Phase wurden die notwendigen behördlichen Notmaßnahmen besser akzeptiert und in der bedarfsgerechten Umsetzung wirksamer. Im Notfall kann eine Gesellschaft auf bestehende Traditionen der Solidargemeinschaft zurückgreifen – vorausgesetzt das entsprechende Vertrauen in gesellschaftliche und politische Strukturen und transparente Entscheidungsprozesse ist tatsächlich vorhanden.

Im Fokus steht die Frage, ob der maßvolle Schritt in die Normalität gelingt und welche langfristigen Auswirkungen und Veränderungen sich aus der Krise entwickeln werden. Die Aufrechterhaltung der demokratisch-rechtsstaatlichen Ordnung bildet dabei die Voraussetzung auch für den wirtschaftlichen Neustart. Die Aufrechterhaltung des gesellschaftlichen Friedens gelingt nur mit einem effektiven sozialen Interessenausgleich.

Wie systemrelevant ist die weltweite Bio-Ernährungswirtschaft?
‚Systemrelevanz‘: Ein meist eher verwaltungstechnisch und bescheiden erscheinender Begriff rückte in der Akutphase zumindest in die Schweizer Schlagzeilen. Viele der derzeit stark geforderten Ziele, Werte und Qualitätskriterien, die an die Agrar- und Ernährungswirtschaft gestellt werden, decken sich weitgehend mit den jahrzehntelangen Zielen der Biobranche.

Die Biobranche kann jedoch nicht einfach ‚die Lösung’ bieten, weder für die lokale Versorgung noch als globales Handelsnetzwerk. Das Bioernährungssystem unterliegt gerade durch den wachsenden Erfolg den aus der konventionellen Lebensmittelbranche bekannten Widersprüchen und Zielkonflikten. Zukunftsweisend kann die Biobranche nur dann wirken, wenn sich alle Akteure laufend neu an den eigenen Zielen ausrichten.

IPES-Food: Zukunftsempfehlungen für nachhaltiges Ernährungsteam

Mitten im Corona-Lockdown im April 2020 präsentierte das International Panel of Experts on Sustainable Food Systems (IPES-Food) das eindrückliche Grundlagen-Dokument ‚COVID-19 and the crisis in food systems: Symptoms, causes, and potential solutions’ mit konkreten Empfehlungen als Orientierung für die kurz- und langfristige Zukunftsentwicklung.

Das IPES-Food-Netzwerk organisiert seit 2015 den Fachaustausch mit dem Ziel, weltweit den auf nachhaltige Zielsetzungen ausgerichteten Wandel der Ernährungssysteme zu fördern. Fachlich-wissenschaftlich fundierte Handlungs-Empfehlungen bilden die Grundlage, um diesen Prozess voran zu treiben.

Das Expertennetzwerk ruft dazu auf, die Herausforderungen der COVID-19-Krise zu nutzen, „die bereits vorhandene ‘Saat’ für den grundlegenden Wandel hin zu einem neuen Ernährungssystem“ zu nutzen. Wichtig sei die Überwindung kurzsichtiger auf Einzelinteressen ausgerichtete Business-as-usual-Lösungen. „Es ist wichtig, die Verwundbarkeit unseres Ernährungssystems auf vielfacher Ebene zu erkennen und nach Abflauen der Krise nicht zu vergessen“, betonen die Autoren. Ohne konsequente Veränderungen hin zu einem resilienteren System sei auch für die Zukunft eine weitere Zunahme der artenübergreifenden Epidemien und damit ein höheres Pandemie-Risiko zu erwarten.

Aufbau resilienter Agro-ökologischer Ernährungssysteme

„Ein Paradigmenwechel von der industriellen Landwirtschaft hin zu einem vielfältigen agro-ökologischen System ist dringlicher denn je“, lautet eine der Kernforderungen des IPES-Food-Berichts. Das Potential der Agrarökologie ökonomische Prozesse mit Umwelt- und Sozialzielen in Einklang zu bringen sei längst von offiziellen Weltorganisationen wie der FAO oder der Weltbank anerkannt.

Als wichtiges Element der Agrarökologie führt der IPES-Food-Bericht eine Vielzahl von Maßnahmen auf, wie sie in der Biolandwirtschaft- und Tierhaltung seit Jahrzehnten gut etabliert sind. Gleichzeitig empfiehlt das Expertenteam einen ganzheitlichen Ansatz mit einer engen Vernetzung darüber hinaus reichender gesellschafts- und umweltpolitischer Maßnahmen mit den entsprechenden wirksamen Anreiz- und Fördermaßnahmen.

Relokalisierung – starke, kürzere Wertschöpfungsketten

Lokale Food-Kulturen und -Gemeinschaften können sich in Krisenzeiten entscheidend für die Versorgungssicherheit auswirken. Der IPES-Food-Bericht betont, dass industrielle Landwirtschaft- und Verarbeitungs- und Vertriebsstrukturen seit Jahren zu einem Abbau verlässlicher und kurzer Wertschöpfungsketten und Partnerschaften geführt haben. Der Zugang zu Frischeprodukten und die gerechtere Verteilung der Wertschöpfungsbeteiligung an die ProduzentInnen seit in Zukunft wieder gezielt zu fördern.

Kurze Wertschöpfungsketten sind aber gleichzeitig anfällig, wie die Corona-Krise auch in mitteleuropäischen Ländern in Erinnerung rief. Sichere globale Handelsstrukturen sind in Krisenzeiten daher unabdingbar. In der Schweiz erfuhr beispielsweise die vom Bundesamt für Landesversorgung koordinierte und von allen Akteuren der Ernährungsbranche genossenschaftlich organisierte Pflichtlagerhaltung eine dankbare öffentliche Anerkennung.

Der IPES-Food-Bericht listet ausführlich das Zusammenspiel zeitgemässer politischer Rahmenbedingungen und Handlungsachsen zur Absicherung verlässlicher und gerechter Handelssystem- und Wirtschaftskooperationen auf, sowohl auf lokaler wie globaler Ebene.

Biofach 2021 - Shaping Transformation. Stronger. Together

Die Biofach-Weltleitmesse konnte im Februar 2020 trotz erster Corona-Einschränkungen noch vor dem Lockdown in Nürnberg auf gewohnte Weise stattfinden. Noch immer bestimmt das Coronavirus das öffentliche Leben und hat ebenfalls großen Einfluss auf das internationale Messewesen. Doch langsam zeigen sich erste Lichtblicke. Im Juli 2020 konnten wieder erste Messen stattfinden und zwar mit den entsprechenden Sicherheits- und Hygiene-Regelungen namentlich die Biofach China zusammen mit der Natural Expo China.

Zur nächsten Ausgabe der Weltleitmesse für Bio-Lebensmittel, vom 17. bis 20. Februar 2021 nimmt der Biofach Kongress aktuelle Herausforderungen ganz im Sinne des IPES-Food-Berichts mit dem Schwer- punkt ‚Shaping Transformation. Stronger. Together’ auf. „Wenn wir dieses Thema auf der Biofach 2021 diskutieren, möchten wir dazu beitragen, zu zeigen, wo Bio als Teil der gesamten Nachhaltigkeitsbewegung prägend ist und diese mitgestaltet – und genauso wichtig – die ganze Vielfalt aller Bewegungen kennenlernen und verstehen, um dann im Austausch miteinander zu mehr Durchschlagskraft zu kommen“, so Louise Luttikholt Geschäftsführerin IFOAM – Organics International.

Die Biofach 2021 will mit dem Kongress die Zusammenarbeit und Vernetzung der unterschiedlichen Transformationsbewegungen noch besser voranbringen. Gestaltet wird er vom internationalen Schirmherren der Biofach World, IFOAM – Organics International, und dem nationalen ideellen Träger, Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft, BÖLW, gemeinsam mit der Biofach. Stronger. Together – das gilt auch in diesen besonderen Zeiten.
Louise Luttikholt, Geschäftsführerin IFOAM – Organics International: „Bio befindet sich schon heute in guter Gesellschaft. Das stärkt Transformation.

Aber: Angesichts unserer enormen Herausforderungen von Arten- über Klimakrise bis Züchtungsforschung darf das, was unsere Bewegungen noch trennt, die Transformation hin zu einer enkeltauglichen Landwirtschaft und Ernährung nicht bremsen. Deswegen ist es wichtig, dass sich unsere Bewegungen, unsere Strömungen und Akteure kennen lernen und gegenseitig stärken. Das gelingt uns sicher am besten, wenn wir uns in unserer jeweiligen Situation und mit unserer jeweiligen Einstellung abholen und den Transformationsweg gemeinsam weiter gestalten.“

Peter Jossi

 

“The way forward”  - IPES-Food- Empfehlungen 
1. Taking immediate action to protect the most vulnerable (Sofortmassnahmen zum Schutz der Verwundbarsten) 
2. Building resilient agroecological food systems (Aufbau resilienter Agro-ökologischer Ernährungssysteme) 
3. Rebalancing economic power for the public good: a new pact between state and society (Balance zwischen Wirtschaftsmacht und Gemeinschaftswohl – Neuer gesellschaftspolitischer Partnerschaften aufbauen) 
4. Reforming international food systems governance (Internationale Regelwerks-Reform für das Ernährungssystem) 
Quellen und Informationen
„COVID-19 and the crisis in food systems: Symptoms, causes, and potential solutions“ Communiqué by IPES-Food, April 2020 
http://www.ipes-food.org/_img/upload/files/COVID-19_CommuniqueEN%283%29.pdf
http://www.ipes-food.org/about/

 

Ernährungswirtschaft ist systemrelevant
Ende März erteilte das Schweizer Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung (BWL) der Branchenorganisation Foederation der Schweizerischen Nahrungsmittel-Industrien (fial) Ende März 2020 die offizielle schriftliche ‚Bestätigung der Versorgungsrelevanz’ für alle ihre Mitgliedsfirmen und damit die Anerkennung der Nahrungsmittelindustrie als kritische Infrastruktur. Die offizielle fial-Mitteilung an seine Mitglieder machte klar, dass es um mehr als Begrifflichkeiten ging: „Die Bestätigung kann in der Unternehmenspraxis als Argumentationshilfe betreffend Nacht- und Sonntagsfahrverboten, Arbeitszeitenregelungen, Ausnahmen von der in der Schweiz zeitweise verfügten Armee-Mobilmachung beigezogen werden.“. Dass dennoch alles im gewohnten politisch-rechtlichen Rahmen gewahrt blieb, machte die ergänzende Rechtsmittelbelehrung klar: „Eine unmittelbare, bundesrechtliche Wirkung lässt sich daraus jedoch nicht ableiten“. 
Quellen und Informationen
https://www.fial.ch/organisation/
https://www.bwl.admin.ch/bwl/de/home.html
 


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