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Zertifizierung in Corona-Zeiten

Zertifizierung in Corona-Zeiten © bio.inspecta AG
Nach Zeiten der Fernbewertung werden in der Schweiz jetzt wieder mehrheitlich Vor-Ort-Inspektionen durchgeführt.

Die Corona-Krise stellte die auf regelmäßigen Audits vor Ort basierende Bio-Zertifizierung vor große Herausforderungen. bioPress hat nachgefragt und zeigt den Praxisbefund beispielhaft anhand zweier Zertifizierungsstellen in der Schweiz und Deutschland auf – mit Blick auf die mittel- und langfristigen Auswirkungen.

Viele Verarbeitungs-, Handels- und Logistikbetriebe schränkten während der Lockdown-Phase den externen Zugang selbst für Vollzugsverantwortliche massiv ein. Teile der Belegschaft waren zudem in Kurzarbeit oder zur Unterstützung der eigentlichen Produktionsteams im Einsatz, um die Lieferbereitschaft für stark nachgefragte Grundnahrungsmittel wie Teigwaren oder angesichts des privaten Backbooms mit gewöhnlich sekundären Artikeln wie Backhefe sicher zu stellen.

Fernbewertung in der Krise bewährt…

In der Schweiz waren die Corona-Auswirkungen einschneidend und mit der zeitweisen Schließung aller nicht für die Grundversorgung systemrelevanten Verkaufs- und Dienstleistungsangebote verbunden. Vor einigen Jahren hatte das Schweizer Stimmvolk einer neuen rechtlichen Regelung für Krisenlagen zugestimmt. Aufgrund dieser direktdemokratischen Legitimierung konnte der Bundesrat (Regierung) während der eigentlichen Lockdown-Phase durchregieren. Die behördlichen Entscheide folgten dabei im Wesentlichen den Empfehlungen des zuständigen Bundesamtes für Gesundheit (BAG) und einem eigens geschaffenen wissenschaftlichen Beirat.

„Durch das rasche und entschiedene Handeln des BAG haben wir heute in der Schweiz glücklicherweise eine verhältnismäßig stabile Situation“, blickt Ueli Steiner als bio.inspecta-Geschäftsführer auf den Frühling 2020 zurück und ergänzt: „Nachdem bio.inspecta in dieser Zeitspanne das System der Fernbewertung eingeführt und erfolgreich in die Praxis umgesetzt hat, führen wir aktuell in der Schweiz wieder mehrheitlich Vor-Ort-Inspektionen durch. Dies wird von den Betrieben auch so gewünscht.“

Mit Blick auf die Partnerorganisationen unter dem Dach der EASY-CERT group AG (siehe Infobox) zeigt Ueli Steiner die Gemeinsamkeiten und Unterschiede auf: „In Österreich haben wir die gleiche Situation. Insgesamt ist die Entwicklung der Corona-Infektionen je nach Land noch sehr unterschiedlich. Bei internationalen Aufträgen arbeiten wir je nach Ausgangslage mit Vor-Ort-Inspektionen und mit Fernbewertungen. Es zeigt sich, dass die Fernbewertung ein gutes Mittel ist, um Reisen und persönliche Kontakte zu reduzieren.“ Die Erfahrung zeige mittlerweile, dass die Fernbewertung, wenn immer möglich, mit einem zeitlich gestaffelten Vor-Ort-Betriebsrundgang kombiniert werden sollte. Ueli Steiner erläutert: „Die konkrete Beurteilung vor Ort ermöglicht eine vertiefte fachliche Beurteilung durch den Auditor/die Auditorin, ergänzend zum Video Rundgang.“

… aber kein Ersatz für Vor-Ort-Audits

Als langjähriger Geschäftsführer der renommierten und seit über drei Jahrzehnten aktiven Zertifizierungsstelle GFRS (Gesellschaft für Ressourcenschutz mbH) gibt Jochen Neuendorff eine ähnliche Standortbestimmung. Nachdem sich auch in Deutschland weitgehend eine Teilöffnung mit Auflagen etabliert hat, setzt die GFRS mittlerweile auf ein Mischmodell, wie Jochen Neuendorff erläutert: «Wir machen mittlerweile Hybride: Büroprüfungen via GoToMeeting, Vor-Ort-Begehungen finden wieder statt, um Plausibilitäten zu prüfen und Defizite zu erkennen.“ Bei Vor-Ort-Inspektionen werde die Inspektionszeit vor Ort und der persönliche Kontakt durch eine gute Vorbereitung und durch strikte Vorsorgemaßnahmen während des Besuchs auf das unbedingt gebotene Mindestmaß reduziert. Voraussetzung für die Vor-Ort-Besuche bleibe jedoch weiterhin die explizite Zustimmung der jeweiligen Unternehmen.

Aufgrund der Erfahrungen des Corona-Lockdowns ist Jochen Neuendorff überzeugt: „Inspektionen auf Distanz sind meiner Meinung nach nur sehr begrenzt tauglich, um wirklich die Bio-Integrität abzusichern. Befragt nach den Learnings zieht auch Ueli Steiner ein ähnliches Fazit seitens bio.inspecta: „Fernbewertungen sollen in Zukunft ergänzend zu den Vor-Ort-Inspektionen durchgeführt werden. Es ist ein gutes Mittel, um die Situation auf einem Betrieb administrativ zu beurteilen, ohne dass der Auditor reisen muss.“

Lockerung der Deklarationsbestimmungen per Notverordnung

Mitten in der Lockdownphase überraschte der Schweizer Bundesrat mit einer im Rahmen des Notrechts verfügten Weisung. Angesichts nachvollziehbarerweise anderweitiger Prioritäten wurden gewisse Detailanforderungen bei der Lebensmittel-Deklaration vorübergehend aufgehoben, etwa bezüglich der Herkunftsangaben der Zutaten. Aufgrund der behördlichen Weisungen stell-te Bio Suisse als Inhaber des Knospe-Labels klar, dass für den bei weitem bedeutendsten privatrechtlichen Biostandard selbstverständlich alle Deklarationsanforderungen einzuhalten seien und Lizenznehmer Änderungen an/auf der Verpackung der Geschäftsstelle von Bio Suisse für die Freigabe melden müssten.

Der Hintergrund für diese für Schweizer Verhältnisse einzigartige Ausnahme bildete die Tatsache, dass die Versorgungslage in der Schweiz auch dank voller seit Jahrzehnten behördlich verordneter Pflichtlager zwar nie gefährdet war. Die auf den Verpackungen deklarierte Herkunft der Zutaten konnte jedoch angesichts der großen Mehrnachfrage nicht immer garantiert werden. Teilweise kam es sogar zu Versorgungsengpässen bei den Verpackungsmaterialen. Die im April erlassene und auf sechs Monate befristete Ausnahmeregelung rückte jedoch, wie viele Corona-Sonderlösungen, bereits bestehende technologische Instrumente ins Blickfeld. Die betroffenen Lebensmittel müssen nämlich mit einem roten Trustbox-Aufkleber versehen werden, der auf die gleichnamige Deklarationsplattform verweist. Dort müssen die Herkunftsangaben korrekt und aktuell nachgeführt sein. Ob virtuelle Hilfsmittel dieser Art auch unabhängig von Krisensituationen verstärkt genutzt werden können, hängt in erster Linie von der weiteren Rechtsentwicklung ab, wobei die Akzeptanz bei der Kundschaft einen  wichtigen Faktor bilden dürfte.

Peter Jossi

 

GFRS
Bereits seit 1989 stehen die Zertifikate der GFRS (Gesellschaft für Ressourcenschutz mbH) für glaubwürdige Öko-Produkte. Neben verschiedenen Biostandards umfasst das Angebot auch eine Vielzahl weiterer gesetzlicher oder privatrechtlicher Anforderungen. Die GfRS ist Gründungsmitglied der Quavera-Alliance. 2003 als internationaler Zusammenschluss von spezialisierten Zertifizierungsstellen gegründet, bieten die Mitglieder dieses Netzwerks eine umfassende, effektive und schnelle Zertifizierung für alle relevanten Zertifizierungsstandards an.
https://www.gfrs.de/
https://www.quavera.org/

 

bio.inspecta AG
Die bio.inspecta AG ist seit 1999 in der Schweiz das marktführende Kontroll- und Zertifizierungsunternehmen der Schweiz mit Dienstleistungen unter anderem in den Bereichen Landwirtschaft, Verarbeitung und Handel, sowie International. Das Angebot umfasst anerkannte Kontrollen und Zertifizierungen für Bio- und Labelprodukte sowie ISO-Standards und Lebensmittelsicherheit, die Unterstützung der Unternehmen bei der nachhaltigen Entwicklung und Stärkung ihrer Marktposition. Zusammen mit den Partnern Austria Bio Garantie und Ceres ist bio.inspecta heute unter dem Dach der EASY-CERT group AG zusammengeschlossen. Die Unternehmen treten als Gesamtdienstleister von nachhaltigen und sozialen Inspektions- und Zertifizierungsdienstleistungen in ihren nationalen und internationalen Märkten auf.
https://www.bio-inspecta.ch/de/unternehmen.html
https://www.easy-cert-group.com/de/home.html

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