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Renaissance der Kornkammer Ukraine – in Bioqualität

Erfolgreicher Aufbau der Biovermarktung in der Ukraine

Renaissance der Kornkammer Ukraine – in Bioqualität © Mariia Makhnovets
Buchweizen  - eines von vielen Ackerbauerzeugnissen der Ukraine

Die über Jahrhunderte als ‚Kornkammer‘ berühmte Ukraine erlebt seit einigen Jahren eine Renaissance mit Fokus auf Bioqualität. Grundlage für den Erfolg war der Aufbau professioneller Beratungs- und Zertifizierungsstrukturen und grenzüberschreitend gut etablierte fachliche Kooperationen.

Ausgangslage für den Aufbau der Bioproduktion in der Ukraine bildete die unter anderem von einem langjährigen FiBL-Schwerpunktprogramm begleitete Vernetzung der ukrainischen Branchenakteure und Behörden, etwa durch die Organisation von Konferenzen zum Thema Organic Integrity. Mit dem Aufbau professioneller Beratungs- und Zertifizierungsstrukturen und rechtlicher Grundlagen ließ sich zudem die Beschaffungs-Sicherheit optimieren. Das dadurch gestärkte Vertrauen bildet heute die Grundlage für langfristige Kooperationen entlang der Wertschöpfungskette.

Bio-Regelwerk Ukraine etabliert

Wie bei allen Bezugsquellen ist auch beim Import von Bio-Rohstoffen aus der Ukraine eine gute Kenntnis der Regelwerke und Branchenakteure notwendig. Sergiy Galashevskyy zeigt als Geschäftsleiter der ukrainischen Bio-Zertifizierungsstelle ‚Organic Standard‘ auf, worauf es ankommt: „Selbstverständlich ist immer ein gemäß den verlangten Bio-Anforderungen gültiges und aktuelles Biozertifikat notwendig. In Verdachtsfällen empfehlen wir ein Cross-Checking bezüglich der Bioqualität der konkreten Mengen in Kooperation mit weiteren anerkannten Zertifizierungsstellen.“

Mit Blick auf die Inspektions- und Zertifizierungsabläufe hat sich in der Organic Standard-Praxis die physische Begleitung der Produktlieferung durch die Zertifizierungsstelle bewährt. „Wir dokumentieren die Lieferung durch einen ausführlichen Foto-Report und eine Probenahme der jeweiligen Produkte“, betont Sergiy Galashevskyy. Diese schaffe über die administrative Rückverfolgung hinaus zusätzlich Klarheit und Sicherheit, etwa mit Blick auf mögliche spätere Rückfragen und spätere rechtliche Abklärungen bis hin zu allfälligen Streitfällen.

Eine wichtige Grundlage für die Absicherung der Bio-Qualität entlang des sicheren Biohandels bildet zudem die Registrierung des Lieferbetriebs im internationalen Sicherheitsnetzwerk TRACES. Das 2017 eingeführte Rückverfolgbarkeitssystem fasst alle für die Biozertifizierung relevanten Informationen in einer gemeinsamen Datenbank zusammen. Das IT-Tool erhöht insbesondere für Bio-Importe in die EU die Verlässlichkeit und Sicherheit. Zudem gestalten sich die Abläufe dadurch einfacher und effektiver.

Dieses wichtige virtuelle Instrument trage entscheidend zur Absicherung der Wertschöpfungskette bei. Sergiy Galashevskyy ergänzt aus der Praxiserfahrung: „Fehlt diese Registrierung, nehmen Sie auf jeden Fall mit Ihrer Zertifizierungsstelle den Kontakt auf, damit die Registrierung nachgeholt und damit die Bioqualität nochmals überprüft werden kann.“

Verlässliche Handelsbeziehungen

Mariia Makhnovets nimmt als ‚Chair of the Ukrainian Organic Cluster‘ seit Jahren in der ukrainischen Biobranche und im internationalen Handel eine wichtige Rolle als Beraterin und Kontakt-Vermittlerin ein. Auch sie betont die Bedeutung der professionalisierten Qualitäts- und zertifizierten Strukturen: „Die ukrainischen Bioproduzenten arbeiten hart daran, um die Bioqualität ihrer Erzeugnisse sicher zu stellen. Die Nutzung zeitgemäßer IT-Technologien nimmt dabei eine wichtige Rolle ein.“ Mariia Makhnovets hebt als wichtigen Erfolgsfaktor die Rolle verlässlicher Handelsbeziehungen hervor: „Noch immer gibt es einige Marktplayer, welche sich auf dem Spot-Markt eindecken. Die meisten Handelspartner setzen jedoch auf langfristige und langjährige Kooperationen mit einer bewährten Auswahl an Handelspartnern.“

Weltweite Absatzmärkte aufgebaut

„Die Ukraine war und ist noch immer eines der wichtigsten Zulieferländer der EU für viele Biorohstoffe“, hält Mariia Makhnovets mit Verweis auf eine aktuelle EU-Statistik fest (EU-Imports of organic agri-food products. Key developments in 2019, siehe Infobox). Gemäß dieser Auswertung nimmt die Ukraine den ersten Platz unter den europäischen Ländern und weltweit den zweiten unter 123 EU-Zulieferländern ein. Die EU-Vermarktung stieg dabei um 27,1 Prozent von 265,817 Tonnen im Jahr 2018 auf 337,856 Tonnen im Jahr 2019. Zehn Prozent der EU-Importe stammen aus der Ukraine, mit einem sehr hohen Anteil bei den Ackerbau-Erzeugnissen (76,9 Prozent), wobei der Anteil beim Weizen bei 31,8 Prozent liegt. Bei den Ölsaaten steht die Ukraine auf dem zweiten Platz. Nicht einberechnet ist dabei die Ölgewinnung aus Soja. Hier nimmt die Ukraine den vierten Platz als EU-Zulieferer ein.

Eine wachsende Bedeutung hat die Ukraine über den Ackerbau hinaus in weiteren Sortimenten, namentlich bei den Früchten, mit dem dritten Platz (ohne Zitrusprodukte und tropische Erzeugnisse), sowie dem vierten Platz bei den Fruchtsäften. Eine wichtige Sortimentsergänzung bieten zudem die Gemüseexporte in Form von Frischprodukten einerseits sowie gefrorenen und getrockneten Handelserzeugnissen andererseits. Hier liegt die Ukraine als EU-Zulieferer auf dem sechsten Platz.

Die professionelle Biozertifzierung gemäß den Vorgaben der EU ermöglicht den Zugang zum Biomarkt und darüber hinaus. Als zusätzlicher Mehrwert gewinnen die privatrechtlichen Labelanforderungen wie Naturland oder Bioland an Bedeutung, was weitere Absatzkanäle erschließt und das ukrainische Commitment zu hohen Biostandards unterstreicht. Beim Export in die Schweiz müssen beispielsweise die Anforderungen von Bio Suisse, der wichtigsten Schweizer Biobranchenorganisation, erfüllt sein. Die Bio Suisse-Standards bilden gleichzeitig die wichtige Grundanforderung für die Belieferung des größten Schweizer Bio-Vermarkters Coop.

„Die EU ist nach wie vor der wichtigste Handelspartner. Die EU-Abhängigkeit hat sich durch eine weltweite Marktvernetzung relativiert“, betont Mariia Makhnovets. Nach Angaben von Organic Standard waren 2018 die Top 5-Importpartner inner- und außerhalb die Niederlande, Schweiz, USA, Deutschland und Litauen. Die USA-Nachfrage konzentriere sich in erster Linie auf Soja- und Sonnenblumen-Erzeugnisse. Die geographische Markt-Orientierung habe sich mittlerweile vor allem auf Kanada, Australien, Japan, China, Südkorea oder die Vereinigten Emirate ausgeweitet.

Potential für denn ukrainischen Biomarkt

„Die nach wie vor starke Expansion des ukrainischen Bioanbaus ist aufgrund der großen Nachfrage kaum überraschend“, fasst Mariia Makhnovets die nach wie vor positive Entwicklung zusammen. Weiterhin sei die Vermarktung bei den meisten Ackerbau-Erzeugnissen stark exportorientiert. Sie sieht dennoch ein großes Potential für den ukrainischen Biomarkt, namentlich bei Frischprodukten und Artikeln mit einer starken inländischen Verankerung: „Für den einheimischen Biomarkt stehen vor allem Milchprodukte sowie Eier, Fleisch und Getreide-Verarbeitungsprodukte im Vordergrund. Eine gute Nachfrage zeigt sich auch bei Früchten, Gemüse und Verarbeitungsprodukten daraus, wie Säften, Konfitüren sowie weiteren Produktkategorien wie Wein, Kräutertee und der heimischen Zuckerproduktion.“

Sergiy Galashevskyy sieht ebenfalls ein positives Potential für die heimische Biovermarktung: „Wir sehen über den Export von Rohstoffen hinaus eine gute Entwicklung bei biozertifizierten Verarbeitungsprodukten.“ Dies zeige sich am dynamischen Umsatz- und Mengenwachstum sowohl beim Export als auch dem Heimmarkt. Als Verarbeitungsprodukt der ersten Stufe exportierte die Ukraine im Jahr 2019 beispielsweise über 800 Tonnen Biozucker. In der Inlandvermarktung machen laut Sergiy Galashevskyy die Milchprodukte rund 60 Umsatzprozent aus. Die Verarbeitungsbranche sei sehr interessiert an einer Professionalisierung der Verarbeitungsstandards, so Sergiy Galashevskyy: „Wir erhalten oft Anfragen für die Beratung und Begleitung bei der Optimierung der Abläufe.“ Dies sei insbesondere bei kleineren Unternehmen und Familienbetrieben sehr wünschenswert, auch mit Blick auf die allgemeinen Fragen des Qualitätsmanagements.

Peter Jossi

 

Die Ukraine als Vorbild für Osteuropa?
Angesichts des erfolgreichen Aufbaus der Biovermarktung in der Ukraine stellt sich die Frage nach dem Potential in den benachbarten Ländern, wobei die Ausgangslage in den EU-Mitgliedsstaaten Bulgarien und Rumänien wesentlich einfacher ist, als etwa in Moldawien, Russland oder weiteren Nachbarländern der ehemaligen Sowjetunion.
Wie die Erfahrungen in der Ukraine zeigen, stellt der Aufbau eines verlässlichen Bio-Regelwerks auf rechtstaatlicher Grundlage und in Abstützung etablierter Standards den wichtigsten Erfolgsfaktor dar. Für den erfolgreichen und sicheren Aufbau der heimischen Biobranche ist zudem viel Zeit, Engagement und Know-how und eine gute Vernetzung vom Biolandbau über die ganze Wertschöpfungskette erforderlich. Gerade Importeure müssen daher verlässliche Kooperationen mit einer langfristigen Perspektive und mit dem Willen zu langfristigen Kooperationen mit lokalen Fachleuten und Handelspartnern angehen.

 

Biozertifizierung und Beratung in der Ukraine: Wer macht was? 
Das ukrainische Zertifizierungssystem basiert auf den Anerkennungs- und Vollzugsabläufen der EU und weiteren international anerkannten Bio-Regelwerken. Neben den lokalen Zertifizierungsstellen stehen zudem in der Ukraine stark verankerte Beratungsdienstleistungen zur Verfügung.
Informationen und Quellen
https://organicstandard.ua/en/aboutus
http://organictradeukraine.com/
https://www.clustercollaboration.eu/cluster-organisations/ukrainian-organic-cluster
https://ec.europa.eu/info/sites/info/ files/food-farming-fisheries/farming/documents/market-brief- organic-imports-june2020_en.pdf
https://ukraine.fibl.org/en/ua-about-project.html

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