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Schweiz entwickelt Bio und Fairtrade in Nicaragua

Zukunftspotential dank Qualität und fairen Kooperationen

Schweiz entwickelt Bio und Fairtrade in Nicaragua © Chimaco SA
Nurserey auf Gemastepe für Setzlinge der geschützten Sorte Chimaco Variety, welche auch an die Kontraktfarmer abgegeben werden 

Seit Jahren engagiert sich das Schweizer Unternehmen CT Finance AG in Nicaragua im Anbau von Spezialitäten wie etwa Passionsfrüchten. Einheimische Partner und die professionelle Verarbeitung vor Ort sichern die optimale Qualität und schaffen lokale Wertschöpfung.

„Unsere Investition in den Anbau und die Verarbeitung von Passionsfrüchten in Nicaragua erreicht Meilensteine“, betont Claudia Lauener Hofer, VR Präsidentin der CT Finance AG. Die CT Finance Gruppe beliefert über ihre Schweizer Tochter Frutco AG den internationalen Markt mit Bananenpüree, Passionsfruchtsaft und Konzentrat, Mango- und Guava-Püree sowie weiteren Spezialitäten für die B2B-Vermarktung.

Vorzeige- und Schulungsgut Gemastepe

Die enge Zusammenarbeit mit einheimischen Partnern sei dabei zentral für den Erfolg. Der Fokus liegt auf Spezialkulturen von Früchten für die Weiterverarbeitung. Auf der rund 200 Hektar großen Hazienda Gemastepe zeichnet das nicaraguanische Schwesterunternehmen Chimaco SA für den Anbau verantwortlich.

Das Gut hat sich zu einem Vorzeigebetrieb für den Anbau von Spezialkulturen in Bioqualität entwickelt. Die Fachleute der Chimaco SA bilden die Vertragslandwirte auch weiter: Sie schulen und beraten sie im fachkundigen und nachhaltigen Anbau, insbesondere in der aufwändigen Pflege der Passionsfrucht-Pflanzungen.

Sie unterstützen die Erzeuger während der gesamten Dauer der Zusammenarbeit mit technischem Know-how und landwirtschaftlichem Fachwissen und durch Abgabe von genetisch einwandfreiem Saatgut. Die gesamten Farmen werden mittels der bewährten Farmsoftware Cropin verwaltet.

Bio-Anbau als wichtiges Standbein

Mit rund 60 der insgesamt 200 Hektar ist bereits ein substantieller Anteil der Flächen auf Gemastepe auf Biolandbau umgestellt. Anbau, Aufbereitung und Vermarktung unterliegen selbstverständlich den international anerkannten Bio-Grundsätzen, die der Überwachung durch unabhängige Zertifizierungsstellen unterliegen.

Die Frutco de las Americas SA, eine Tochter von CT Finance AG, bietet für die gesamte Produktion eine Abnahme- und Vermarktungsgarantie. Mittelfristig will das Schweizer Unternehmen eine Übernahmegarantie für rund 1.000 Hektar aufbauen. Darüber hinaus steht der Frutco-Kanal je nach Nachfrage und Bedarf auch für Drittanbieter offen.

Faire Handelspartnerschaften

Zusammen mit der firmeneigenen Verarbeitung der Früchte durch die Frutco de las Americas SA wird so die Aufrechterhaltung einer vollständig nachhaltigen Lieferkette sichergestellt. Dank dieser Kooperationen können über mehrere Jahre hinweg stabile Preisgarantien sichergestellt werden.

Frutco de las Americas entstand aus einer Kooperation der Schweizer Frutco AG und der in Nicaragua ansässigen Coen Group, einem Unternehmen mit über 7.000 Mitarbeitern und italienischen Wurzeln. Aufgrund der aktuellen politischen Situation in Nicaragua hat die CT Finance AG den Anteil der Coen Group vollständig übernommen und Frutco de las Americas ist damit ein rein schweizerisches Unternehmen geworden.

Lokale Verarbeitung erfüllt weltweite Branchen-Standards

Zur Frutco-Unternehmensphilosophie gehört die Verarbeitung vor Ort im Anbauland. Aufgrund der momentanen politischen Situation in Nicaragua werde mit dem Bau des geplanten Fabrikgebäudes, direkt im Zentrum des Anbaugebiets in der Nähe des pazifischen Hafens von Puerto Corinto, noch zugewartet. Für die Zwischenzeit konnte eine Lösung zur Lohnverarbeitung der Früchte unter dem Label von Frutco de las Americas SA bei einem lokalen Produzenten gefunden werden. Sobald es die Situation wieder zulasse, werde der neue Verarbeitungsstandort gebaut und damit durch Frutco de las Americas rund 60 direkte Arbeitsplätze geschaffen. Das Gesamtprojekt habe positive direkte und indirekte Auswirkungen auf die Beschäftigungssituation in der Landwirtschaft und die damit verbundenen Wirtschaftszweige. Am Ende würde es rund 1.000 neue Stellen geben.

Die speziellen Verarbeitungsanlagen ermöglichen eine schonende Herstellung des Passionsfruchtpüree und weiterer Spezialitäten. Mit einem Extraktor wird beispielsweise mögliches Saatgut sorgfältig aus der Pulpe entfernt. Der am Ende dieses Prozesses erhaltene Saft kann sterilisiert und aseptisch abgefüllt oder alternativ schonend abgekühlt und dann transportfähig eingefroren werden.

Für das Bio-Sortiment würden selbstverständlich auch die entsprechenden Standards und Zertifizierungsanforderungen eingehalten. Der neue Produktionsbetrieb erfülle zudem weltweit anerkannte QM-Standards wie FSSC 22'000 (SGS) und wichtige Standards wie Koscher und Halal. Für den Marktzugang in die USA steht die FDA-Validierung durch die Food & Drug Administration im Vordergrund.

Netzwerk mit Ausbaupotential - Schokolade aus Nicargua?

Die sowohl in Nicaragua als auch global gut vernetzten und eingespielten Kooperationen bieten viel Potential zum Aufbau ganz neuer Vermarktungsprojekte jenseits der Fruchtsaft-Branche. Im Umland der historischen Stadt Granada wird beispielsweise derzeit mit lokalen Partnern über eine Kooperation im Bereich Kakaoverarbeitung diskutiert.

Es ist geplant, auf Gemastepe 15 Hektar sehr seltene, ursprüngliche Kakao-Sorten in Bioqualität anzubauen. Diese Nischenprodukte sollten in Granada auf modernsten Anlagen zu Schokoloade verarbeitet werden, nach dem Motto ‚von der Farm bis in den Markt – alles aus dem gleichen Land‘. Als Besonderheit erfolgt der Anbau in Kombination mit Neem-Bäumen, deren agronomische Vorteile für die nachhaltige Landwirtschaft erwiesen sind. Zudem bieten Produkte auf Neem-Basis viele interessante Chancen in der Lebensmittel- und Gesundheitsbranche.

Peter Jossi

 

19 de Julio – Nicaragua 1979-2019
Weitgehend unbemerkt von der Weltöffentlichkeit würdigte das offizielle Nicaragua am 19. Juli 2019 mit einem großen Feier- und Gedenkprogramm den 40. Jahrestag der Nicaraguanischen Revolution. Der Tag steht für den Sturz des damals eigenmächtig herrschenden Somoza-Clans als Schlusspunkt eines breit abgestützten Volksaufstands. Die ‚Nicaraguanische Revolution‘ steht zudem für den darauf folgenden rund zehnjährigen Zeitraum.

Die von der ‚Frente Sandinista de Liberación Nacional‘ geleitete Revolutionsregierung lancierte große gesellschaftliche und soziale Fortschrittsprojekte. Deren positive Wirkung blieb jedoch infolge des bis 1990 andauernden Bürgerkriegs mit den seitens USA unterstützten ‚Contra‘-Guerillatruppen stark eingeschränkt.

Der vorliegende Beitrag legt den Fokus auf die langfristigen Auswirkungen der damaligen politischen und sozialen Umwälzung. Viele erfolgreiche Pionierprojekte mit Blick auf die landwirtschaftliche Produktion und die Entwicklungschancen für die Landbevölkerung haben ihren Ursprung in der Revolutionszeit. Zahlreiche internationale Brigadistas, insbesondere aus europäischen Ländern, lernten das Land durch Einsätze vor Ort kennen, was die Grundlage für viele langjährige Kooperationen legte.

Bio- und Fairtrade-Produkte aus Nicaragua sind heute eine feste Größe im internationalen Biohandel. Nach wie vor hält eine Mischung aus oft genossenschaftlich organisiertem lokalem Engagement und privatem Unternehmertum den nachhaltigen, auf langfristiges Committment ausgerichteten Erfolg vieler Kooperationen aufrecht.

 

Schweizer Entwicklungszusammenarbeit in Zentralamerika
Das Engagement der offiziellen Schweizer Entwicklungszusammenarbeit in Nicaragua reicht in die Jahre nach der Revolution von 1979 zurück. Wie in weiteren Ländern Zentralamerikas liegt der Schwerpunkt auf der Stärkung der Rechtsstaatlichkeit und der Menschenrechte, der Förderung der wirtschaftlichen Entwicklung, so-wie Maßnahmen zur Anpassung an den Klimawandel. Der Fokus der bilateralen Zusammenarbeit liegt auf Honduras und Nicaragua. Im Rahmen ihrer Themenschwerpunkte unterstützt die Schweiz aber auch regionale Initiativen.
Auf der politischen Entscheidungsebene in Bundesrat (Regierung), Parlament und Verwaltung läuft derzeit eine Re-Evaluation zur Zukunftsausrichtung der offiziellen Schweizer Entwicklungszusammenarbeit. Ob das Engagement in Zentralamerika weiterhin als Schwerpunkt erhalten bleibt, ist daher offen.

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