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Ökolandbau-Politik

Land verlangt Verantwortung

Bioland-Podiumsgespräch zum Spannungsfeld der Agrarpolitik

Mainz/Berlin, 16. Januar 2020  |   Auf der Internationalen Grünen Woche lud Bioland heute zur Podiumsdiskussion zu den aktuellen agrarpolitischen Herausforderungen. Mit dabei waren Journalistin und Buchautorin Dr. Tanja Busse, Bioland-Präsident Jan Plagge und Bioland-Mitglied sowie Geschäftsführer der Wassergut Canitz GmbH Dr. Bernhard Wagner aus Leipzig. Die Branchenexperten beleuchteten das Spannungsfeld der Bauernproteste und der gesellschaftlichen Ansprüche, um anschließend Lösungswege herausstellen.

Einig waren sich die Teilnehmer, dass die Stimmung im Agrarbereich aktuell an ihrem Tiefpunkt angelangt ist. Woran es ihrer Meinung nach hakt, beschrieb Tanja Busse wie folgt: „Viele Landwirte sehen keine Perspektive, wie sie die Anforderungen nach mehr Natur- und Ressourcenschutz erfüllen sollen, wenn sie schon ohne höhere Standards kaum kostendeckend arbeiten können. Es ist sehr erschreckend zu beobachten, wie sehr sich die Einstellung vieler Landwirte in den letzten Monaten radikalisiert hat. Das Vertrauen in Institutionen und Medien schwindet, und in den sozialen Medien kursieren Fake News zum Nitrat und zum Insektensterben. Der Tenor: Die Bauern würden betrogen, die friedlichen Meinungsäußerungen auf Demos seien ‚für den Arsch‘, es sei an der Zeit für Bündnisse mit anderen Gruppen und wirkungsvollere Proteste. Die Politik muss endlich reagieren und den Widerspruch zwischen Weltmarktpreis und Landwirtschaft innerhalb der planetaren Grenzen auflösen." 

Plagge ergänzte: „Die Bauern sind die Leidtragenden einer hilf- und ideenlosen Politik. Vor allem die fehlende langfristige Verbindlichkeit der politischen Entscheidungen führt dazu, dass sich die Bauern im Stich gelassen fühlen. Politik muss verlässlich sein. Die politischen Rahmenbedingungen waren immer exportorientiert und auf industrielle Massenproduktion ausgerichtet. Landwirte haben sich entsprechend spezialisiert und ihre Betriebe intensiviert. Jahrelang das Prinzip des ‚Wachsen oder Weichen‘ zu fördern und dann das Ruder rumzureißen und Auflagen zu ändern, die dem entgegenstehen, führt verständlicherweise zu großer Unzufriedenheit auf den Höfen. Und dennoch gibt es Herausforderungen, die nicht ignoriert werden können. Denen muss sich die Landwirtschaft stellen, wie beispielsweise beim Klima oder dem Gewässer- und Artenschutz. Die schlechte Stimmung resultiert vor allem aus verschleppten Problemen, die jetzt nur noch mit schmerzhaften Veränderungen eingedämmt werden können. Diese gehen den einen zu weit und den anderen nicht schnell genug. Die Politik hat unter diesem Druck keine guten Lösungen geliefert und ist nun nicht in der Lage Fehler einzugestehen. Das würde schon viel Druck aus dem Kessel nehmen.“ 

Land schafft Verantwortung

Bei der Frage zu den Bauernprotesten waren sich alle einig, dass Anschuldigungen nicht zielführend seien, sondern die Herausforderungen konstruktiv angegangen werden müssen.

Wagner dazu: „Ich verstehe den Frust, da die Landwirtschaft, ohne Lärm, von der Politik kaum wahrgenommen wird. Ich verstehe auch, dass geplante Umbrüche für manche Betriebe existenzbedrohend sein können. Was mich sehr betroffen macht, da es mit einer klugen, langfristigen Politik gar nicht erst soweit hätte kommen müssen. Sehr deutlich wird es am Beispiel der Nitratdiskussion. Seit 1991 gibt uns die EU die Nitratrichtlinie und deren Einhaltung vor. Und welchen Zustand haben wir nach 29 Jahren? Die logische Konsequenz sind nun Umweltprobleme, die alle betreffen. Die Düngegesetze, die Zulassung von Totalherbiziden sowie weiterer Pflanzenschutzmittel und falsch eingesetzte Agrarsubventionen haben uns in eine Problemlage geführt. Ein Slogan auf einer der vergangenen ‚Wir haben es satt‘-Demos war: ‚Haste Acker, haste Verantwortung‘. Land schafft nun mal Verantwortung, der jeder Landwirt im Sinne der Gesellschaft nachkommen muss. Allerdings benötigt er dabei nicht nur die volle Unterstützung aus Berlin und Brüssel, sondern auch die einer mündigen Gesellschaft.“

Busse ergänzt im Zusammenhang mit den Bauernprotesten auch die Rolle der Medien: „Die Medien haben die große Aufgabe, die Filterblasen aufzustechen und aufzuklären, was dran ist an den Vorwürfen der Fake News. In den sozialen Medien der Landwirte lese ich oft, dass die Landwirtschaft als Ganze belogen und betrogen werde und das Nitratproblem eines der Kanalisationen der Großstädte sei und gar nicht von der Landwirtschaft komme. Da hilft es, alle Fakten zusammenzutragen und alle Seiten zu hören. Und die Medien müssen auch verborgene Interessen deutlich machen, also zum Beispiel zeigen, wer davon profitiert, wenn Deutschland viel Fleisch exportiert und wer nicht."

Vom Protest zum Umbau: Gemeinsam sind wir stark

Der Berufsstand der Bauern darf sich den Podiumsteilnehmern nach nicht weiter auseinandertreiben lassen. Vielmehr sollten alle an einem Strang ziehen und ein gemeinsames Ziel verfolgen: eine Agrarpolitik, in der die Natur, die Bauern, die Verbraucher und die Tiere zu ihrem Recht kommen.  

Praktiker Wagner dazu: „Unsere Umwelt, unser Klima und unsere Wirtschaftsvoraussetzungen verändern sich, die Auswirkungen zeigen sich inzwischen in großem Ausmaß. Wir Biobauern arbeiten schon seit 50 Jahren sehr naturnah und haben es verstanden uns darauf einzustellen. Dabei haben wir viele positive Effekte erreicht. Aber das reicht eben nicht aus, weil wir zu wenige sind. Mit unseren Erfahrungen können wir Kollegen aus dem konventionellen Bereich auf ihrem Weg dabei begleiten, ihre Landwirtschaft so zu gestalten, dass es wieder summt und brummt auf ihrem Feld. Dabei gilt es in erster Linie darum, die Ängste gegenüber einer ,anderen‘, aber notwendigen Bewirtschaftungsform abzubauen. Wir lassen die frustrierten Bauern nicht alleine!“

Der Bioland-Präsident sagte: „Statt Feindbilder zu pflegen, brauchen wir Veränderungspartnerschaften und Bündnisse. Wir müssen Brücken bauen und einen fairen Wettbewerb um die besten Lösungen für den Schutz unserer Lebensgrundlagen schaffen. Gemeinsam müssen wir mit den Verbrauchern, der Politik, Landwirtschaft und Wirtschaft das kollektive Interesse über die individuellen Interessen stellen. In Zukunft muss gelten: Nicht was sich rechnet ist richtig, sondern was richtig ist, muss sich rechnen!“

Langfristig wünsche er sich einen deutlichen Ausbau des Ökolandbaus als wesentlichen Beitrag für eine enkeltaugliche Zukunft. Klar sei ihm jedoch auch, dass Bio allein als Lösung nicht reiche. 

Busse resümiert: „Wir brauchen einen Gesellschaftsvertrag für die Landwirtschaft, und den müssen wir mit allen gesellschaftlichen Gruppen aushandeln. Dazu gehören die Kinderärzte und Ernährungsmediziner, die seit langem beklagen, dass wir uns krank essen – mitten im Überfluss. Auch die Schulen und die öffentlichen Kantinen müssen dabei sein, die Wasserwerke, die Naturschützer und die Verwaltungen der Städte und Gemeinden, die ein Budget brauchen, um kommunale Ernährungspolitik wieder zu ihrer Aufgabe zu machen. Unsere zukünftige Ernährung muss dem Konzept der Gesundheit folgen, also die Frage beantworten, wie wir uns gesund ernähren können, so dass auch die Erde gesund bleibt. Weniger pathetisch: dass wir die planetaren Grenzen einhalten. Und dann müssen wir die Landwirtinnen und Landwirte fragen, was sie brauchen, welche Anreize und vor allem Preise, um entsprechend wirtschaften zu können. Und das alles braucht ganz andere politische Rahmenbedingungen.


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