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Dem Konsumverzicht ins Gesicht lachen

Ein Kommentar nach dem Erderschöpfungstag

„Endliche Ressourcen, unendliche Ignoranz“ titelte die BILD-Zeitung am 19. Juli 2019, dem sogenannten ‚Erdüberlastungstag‘. Sie führt anschließend ein Interview mit Umweltexperte Professor Ulrich von Weizäcker, der sagt, was wir Bios schon immer fordern: wahre Preise, „Öko-Nahrungsmittel kaufen, öffentliche Verkehrsmittel nutzen, Flugreisen vermeiden“, und: „politisch wachsam sein statt nur schimpfen und resignieren.“

Wer hätte gedacht, dass die auflagenstärkste Tageszeitung Deutschlands derart ökologisch berichtet? Oder die Tagesschau den Erdüberlastungstag als Aufmacher in die 20 Uhr Nachrichten packt? Dass es in den sozialen Medien rund geht in der Klimadiskussion, ist nicht erst seit Greta Thunberg klar.

Doch dass auch die traditionellen Massenmedien über ihre im Rundfunkstaatsvertrag stehende Informationspflicht hinausgehen und Boulevardblätter zu ökologischer Haltung aufrufen, zeigt doch, wie dringend wir handeln müssen, um unsere Erde zu retten.

Nun gibt es zwei Wege aus der Krise, so scheint’s: Öko auf der einen, Gentechnik auf der anderen Seite. Von einem dazwischen ist in der öffentlichen Debatte nicht viel zu lesen, die sozialen Medien unterstützen die Polarisierung indes wortkräftig. „Wenn wir auf Gentechnik setzen, dann kriegen wir die stetig wachsende Bevölkerung satt“, postulieren die einen, „wir müssen verzichten und brauchen ein Weniger von allem“, moralisieren die anderen. Wahlergebnisse in ganz Europa zeigen uns, dass große Teile der Bevölkerung dennoch auf ein „Weiter so“ setzen, sich trotz Wohlstandsgesellschaft klar im Nachteil sehen und ihre Konsumgewohnheiten nicht freiwillig ändern werden.

Woran liegt das?

In der Psychologie gibt es die sogenannte Terror Management Theory, die seit den 1980er Jahren erforscht wird und besagt, dass wir Menschen alles tun, um nicht an den Tod denken zu müssen. Journalistin Sieglinde Geisel schreibt im Deutschlandfunk, dass „wir weitermachen wie bisher – um nicht daran denken zu müssen, was geschieht, wenn wir weitermachen, wie bisher. Wir tun es gerade deshalb, weil wir die Folgen unseres Tuns so sehr fürchten.“ Stattdessen bauen wir Kathedralen, gründen Firmen, bekommen Kinder oder investieren in die Digitalisierung, um uns ein Denkmal zu setzen und unsterblich zu sein. Dies kann jedoch ‚verheerende Folgen‘ haben und wir sollten vielmehr aufhören, unsere Angst auszublenden, so die Journalistin. „Denn nur die Angst wird uns dazu bringen, die Gefahr endlich ernst zu nehmen.“

Auch die Meeresbiologin Antje Boetius ruft in einem ZEIT-Interview dazu auf, die Klimakrise klar zu benennen und als Politiker aufzuhören „den Klimaschutz zu bremsen, einfach aus Wahltaktik. Da wird immer behauptet, man könne den Leuten keine großen Einschränkungen im Lebenswandel zumuten – dabei sind die Einschränkungen durch den Klimawandel doch viel größer“, so Boetius. „Die Korallenriffe sterben ab, Ernten fallen aus, Hitzewellen ziehen durchs Land, Wälder brennen, Stürme verwüsten ganze Regionen, Menschen verlieren ihre Heimat. Warum wird es nicht als Verzicht angesehen, wenn wir Insekten und Singvögel durch Umweltgifte verlieren?“ Ein spannender Ansatz, benennt er doch ein Problem, das wir in der Biobranche schon viele Jahre mit uns herumtragen: wir wollen die Welt besser machen, schaffen dies aber nicht, ohne den moralischen Zeigefinger zu heben und uns abzukapseln.

Also lassen Sie uns aufhören, Angst vor Neuerungen zu haben. Lassen Sie uns die Dinge klar benennen und Lösungswege aufzeigen, die Lust auf Suffizienz machen – oder besser: auf neue Gewohnheiten. Lassen Sie uns eine Sprache finden, die dem Konsumverzicht ins Gesicht lacht und ihn als das benennt, was er tatsächlich ist: der Weg in unsere Zukunft, der Weg in eine lebenswerte Zukunft. Damit der Erderwärmungstag kein Aufmacher in den Hauptnachrichten mehr sein muss.

Anne Baumann


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