Start / Business / Bio-Handel / Sonstige / Ampelfarben oder Dauer-Grün?

Ernährung

Ampelfarben oder Dauer-Grün?

Bei der zukünftigen Nährwertkennzeichnung in Deutschland scheiden sich die Geister – vor allem an der Farbe.

Das von Ernährungsministerin Klöckner beauftragte Max-Rubner-Institut (MRI) stellte Ende Mai den Entwurf für eine freiwillige Nährwertkennzeichnung für Deutschland vor – entsprechend den Vereinbarungen im Koalitionsvertrag. Jetzt steht die Ministerin in der Kritik. Die schon existente und in mehreren europäischen Ländern genutzte Kennzeichnung Nutri-Score werde von ihr abgelehnt, um wirtschaftliche
Interessen der Lebensmittelindustrie entgegen zu kommen.

Mitte April ist in Deutschland die Diskussion um eine vereinfachte Nährwertkennzeichnung auf der Vorderseite von Lebensmittelverpackungen ein weiteres Mal befeuert worden. Das Landesgericht Hamburg hat dem Unternehmen Iglo mit einer einstweiligen Verfügung die weitere Nutzung der in Frankreich, Belgien und Spanien eingeführten Nährwertkennzeichnung Nutri-Score verboten - aus wettbewerbsrechtlichen Gründen. Geklagt hatte der Münchner Schutzverband gegen Unwesen in der Wirtschaft e.V., der über seine Mitglieder Stillschweigen bewahrt.

Streit um Nutri-Score

Eine schlechte Nachricht auch für weitere Firmen: Auch Danone und Bofrost verwenden neuerdings die Kennzeichnung und Mestemacher plant ebenfalls die Einführung des Nutri-Score. Falls die Bewertung des Landgerichts Bestand haben würde, könnte der in einigen EU-Mitgliedstaaten so-gar staatlich empfohlene Nutri-Score in Deutschland verboten sein.
Politik lässt Unternehmen ins offene Messer laufen

Daraufhin warf die Verbraucherorganisation Foodwatch

Ernährungsministerin Julia Klöckner vor, innovative Unternehmen ins offene Messer laufen zu lassen. Denn die Ministerin hätte lediglich eine Verordnung entwerfen und von der EU-Kommission in Brüssel genehmigen lassen müssen, damit der Nutri-Score als nährwertbezogene Kennzeichnung zulässig würde.

Klöckner hatte bereits das staatliche Max-Rubner-Institut (MRI) mit einer Einschätzung der bisherigen Alternativen beauftragt. Zwölf Kennzeichnungen wurden untersucht, der Nutri-Score schnitt mit Abstand am besten ab. Trotzdem sollte das MRI eine eigene Kennzeichnung entwickeln.

MRI bringt nichts grundsätzlich Neues

Der Ende Mai vorgelegte Entwurf sollte eine Brücke schlagen zwischen den verschiedenen Interessen, die bei der Einführung einer Nährwertkenn- zeichnung zu berücksichtigen seien. Das heißt wohl, zwischen den Interessen von Teilen der Lebensmittelindustrie auf der einen Seite und den Verbrauchern, vertreten durch die Verbraucherschutzorganisationen, auf der anderen Seite.

In Deutschland ist, im Gegensatz zum französischen Nutri-Score, die Lebensmittelwirtschaft direkt in den Prozess eingebunden. Vertreten wird sie durch ihren Spitzenverband, den BLL (Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde).

Iglo hat BLL verlassen

Dieser stellt sich schon seit Jahren gegen jede Art von Ampelkennzeichnung. Unternehmen wie Iglo, Bofrost, Danone und Mestemacher, die sich mit der Nutzung des Nutri-Score als Vorreiter auf dem Weg zu einer verbraucherfreundlichen Kennzeichnung sahen, stehen nun zwischen den Fronten. Iglo ist in der Nachfolge des Rechtsstreits um den Nutri-Score im Mai folgerichtig aus dem BLL ausgetreten.

Ampelfarben ade

Das von Klöckner gedrängte MRI hat einen dem Nutri-Score sehr ähnlichen Entwurf gestaltet, der aber auf die Ampel mit klarer Farbkennzeichnung verzichtet. Stattdessen hat sich die Lebensmittelindustrie durchgesetzt. Beim MRI-Entwurf wird die grüne Farbe Petrol in fünf Stufen von kräftig bis schwach eingesetzt. Dies ist nur schwer verständlich und beim Verbraucher denkbar wenig geeignet für eine Wertung.

An einer Stelle wurde der Nutri-Score ergänzt: Zucker, Fett, Salz, gesättigte Fettsäuren in Gramm und der Gesamt-Kalorienwert sind mit angegeben. Gut für Verbraucher, die aufgrund einer bestimmten Diät etwa auf den Salzgehalt achten müssen.

Atempause für die Industrie

Im jetzt laufenden Verbrauchertest des Ministeriums treten MRI-Entwurf, Nutri-Score und BLL-Modell gegeneinander an. Dazu das skandinavische Keyhole-Modell, das ein gesundes Produkt ganz simpel mit einem grünen Punkt mit stilisiertem Schlüsselloch kennzeichnet. Ende September sollen die Ergebnisse vorliegen.

Der BLL kann jetzt schon zufrieden sein. Obwohl sein Entwurf bereits im Ranking des MRI abgeschlagen auf dem letzten Platz landete, kommt er in die Auswahl. Die vom Verband abgelehnten Ampelfarben werden im von Frau Klöckner initiierten MRI-Entwurf nicht genutzt, obwohl wissenschaftliche Studien eine positive Wirkung auf gesunde Ernährung zeigen. Die Ampel steht auf grün-blauem Petrol-Bereich, egal wie wenig förderlich für die Gesundheit. Und die Lebensmittelindustrie gewinnt weiter Zeit. Innovationen in der Lebensmittelindustrie scheinen sich auf immer noch mehr vom Gleichen zu beschränken. Vorreiter bleiben derweil im Regen stehen.

Elke Reinecke


Ticker Anzeigen

Das könnte Sie auch interessieren

Nutri-Score motiviert Lebensmittelhersteller zu gesünderen Produkten

Berlin | Die Lebensmittelampel Nutri-Score motiviert Lebensmittelhersteller, ihre Produkte gesünder zu gestalten. So hat die französische Supermarktkette Intermarché angekündigt, die Rezepturen von über 900 Eigenprodukten so zu verändern, dass sie die Nutri-Score-Bewertung A, B oder C bekommen (gesundheitlich sehr günstig bis mittelmäßig). Zeitgleich senkt die belgische Supermarktkette Delhaize die Preise für 100 Produkte mit Nutri-Score A und B um 20 bis 50 Prozent.

24.09.2019mehr...
Stichwörter: Ernährung, Nutri-Score

Nutri-Score in der Zielgerade

Lebensmittelampel voraussichtlich ab November rechtlich abgesichert

09.10.2020 | Der Bundesrat hat heute einem Gesetz zugestimmt, das den rechtlichen Rahmen für die freiwillige Verwendung des sogenannten Nutri-Scores schafft. Damit ist der Weg frei für eine flächendeckende Nutzung der Lebensmittelampel. Die Verordnung wird nach der Veröffentlichung im Bundesgesetzblatt voraussichtlich Anfang November in Kraft treten.

09.10.2020mehr...
Stichwörter: Ernährung, Nutri-Score

Integrierte Ernährungspolitik als Ziel

Öko-Hersteller unterstützen Forderung des Wissenschaftlichen Beirats

Der Wissenschaftliche Beirat für Agrarpolitik, Ernährung und gesundheitlichen Verbraucherschutz (WBAE) des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft hat in seinem Gutachten kürzlich eine Blaupause für eine Transformation des Ernährungssystems veröffentlicht: ein Konzept für eine integrierte Ernährungspolitik. Die Assoziation ökologischer Lebensmittelhersteller (AöL e.V.) befürworte diesen Vorstoß und das innovative Konzept.

30.09.2020mehr...
Stichwörter: Ernährung, Nutri-Score