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Die Evolution unserer Ernährung

Wie eine Transformation unserer Ernährung gelingen kann

Unser ressourcenbasiertes Wirtschaftssystem ist ganz auf Wachstum ausgelegt, aber schon längst an seine Grenzen gestoßen, denn wir benötigen bereits heute für unsere Wachstumsrate mehr als den einen Planeten, auf und von dem wir leben. Die Regenerationsfähigkeit der Ökosysteme ist in vielen Bereichen erschöpft, wie auch das Stockholm Resilience Centre in seinem Update zum Bericht über die Grenzen unseres Planeten (2015) feststellte. Es gibt keine weiteren Wachstumsperspektiven ohne Zerstörung der Lebensgrundlagen zukünftiger Generationen durch Klimawandel, Umweltverschmutzung- und -zerstörung, Verlust der Biodiversität und Überschreiten der Stickstoff- und Phosphorkreisläufe.

Auf der anderen Seite ist das Konzept ökologischer Land- und Lebensmittelwirtschaft deutlich weiterentwickelt und neueste Studien zeigen eindrücklich die positiven Effekte des ökologischen Landbaus auf die Umwelt. Dies ist das Ergebnis einer Metastudie, die Forscher des Thünen-Instituts erst Anfang dieses Jahres durchführten (Thünen Report 65).

Zu viele Importe für Bio-Lebensmittel

Der Markt für Bio-Lebensmittel entwickelt sich in Europa dynamisch und hat in 2018 fast 40 Milliarden Euro Umsatz erreicht. In den USA wächst der Markt noch schneller und liegt heute bei knapp 45 Milliarden Euro Umsatz (FiBL & IFOAM Organics International, 2019). In Europa hat die Umstellung der Landwirtschaft in einigen Ländern an Fahrt aufgenommen und die Lücke zwischen Angebot und Nachfrage für ökologische Lebensmittel etwas geschlossen. Dennoch besteht ein erheblicher Importbedarf für hier anbaufähige Erzeugnisse. Im Jahre 2018 wurden nach dem Bericht der Europäischen Kommission insgesamt 3.258.532 Tonnen ökologische Rohwaren und Lebensmittel nach Europa importiert. Davon sind 500.000 Tonnen Getreide (ohne Reis), was in etwa der Hälfte der deutschen Bio-Getreideernte entspricht. Sehr wichtige Importgüter sind beispielsweise Ölfrüchte und Folgeprodukte sowie Proteinpflanzen für ökologische Futtermittel.

In den USA ist der Importüberhang noch extremer. Dort werden insgesamt etwa zwei Millionen Hektar ökologisch bewirtschaftet, was in etwa der Ökofläche Spaniens entspricht. Das bedeutet: der Großteil der in den Vereinigten Staaten von Amerika verkauften Bioware basiert auf importierten Rohstoffen.

Ökolandbau ist gut für die Umwelt, aber nicht produktiv genug

Eine neue Studie aus Frankreich verdeutlicht erneut, dass die ökologische Landwirtschaft ein relatives Produktionsdefizit aufweist (Paux X.; Aubert P-M. 2018: An agroecological Europe in 2050: multifunctional agriculture for healthy eating, IDDRI N09/18. September 2018). Dieses beträgt in Europa im Vergleich zu konventionellen Intensivmethoden für pflanzliche Erzeugnisse etwa 30 Prozent und für tierische Erzeugnisse etwa 50 Prozent. Der Thünen Report 65 weist ebenfalls darauf hin, dass sich insbesondere die gesellschaftliche Erwartung an die Landwirtschaft nicht nur auf den Schutz der Umwelt beschränkt, sondern auch die Erzeugung ausreichender Lebensmittel mit einbezieht.

Die Studie zeigt aber auch, dass eine ökologische Bewirtschaftung gegenüber der konventionellen Variante im Bereich des Umwelt- und Ressourcenschutzes bei 58 Prozent der analysierten Ver- gleichspaare Vorteile aufwies. Eine höhere gesellschaftliche Leistung durch den ökologischen Landbau wurde insbesondere in den Bereichen Wasserschutz, Bodenfruchtbarkeit, Klimaanpassung und Ressourceneffizienz festgestellt.

Die Revolution unseres Essverhaltens

Das bedeutet, dass eine Umstellung der Lebensmittelwirtschaft auf ökologische Verfahren absolut notwendig ist. Sie ist zugleich aber nur dann möglich, wenn sich die gesamte Ernährungswirtschaft und insbesondere das Essverhalten der Bevölkerung deutlich weiterentwickelt. Die französische IDDRI-Studie geht davon aus, dass eine Selbstversorgung bei Umstellung auf eine ökologische Lebensmittelwirtschaft dann funktionieren kann, wenn wir deutlich mehr pflanzliche Kost auf der Basis von Getreide, Leguminosen sowie Obst und Gemüse zu uns nehmen. Gleichzeitig wäre der Konsum von Schweinefleisch, Geflügelfleisch, Milchprodukten und Alkoholika um etwa 50-65 Prozent zu senken. In einem solchen Szenario würden Lebensmittel- und Futtermittelimporte deutlich gesenkt sowie insbesondere der Export tierischer Erzeugnisse stark verringert werden.

Das bedeutet praktisch, dass die pflanzliche Produktion ausgebaut und differenziert werden muss. Es müssten dann vermehrt Eiweißpflanzen (Leguminosen) und Gemüse angebaut werden. Die Produktion von Geflügel, Eiern und Schwein muss zu einer qualitätsorientierten Produktion mit deutlich verringerten Produktionsmengen transformiert werden. Wiederkäuer und Equiden sind davon weniger betroffen, deren Fütterung muss jedoch primär auf der Grundlage von Raufutter gesichert werden.  Dadurch wird weniger Milch und daraus hergestellte Erzeugnisse produziert.

Schaffen wir es nicht, unsere Ernährung enkeltauglich zu gestalten, würden Importe von Rohstoffen nach Europa durch eine hundertprozentige Umstellung auf den ökologischen Landbau massiv zunehmen. Das würde die Auseinandersetzungen um die Zugänge zu Land und Ernte enorm verschärfen. Die Verlierer dieser Übung sind die Menschen mit keiner oder schwacher Kaufkraft.

Um dies zu verhindern, ist es dringend notwendig, an der Transformation des gesamten Ernährungssystems hin zu einem nachhaltigen System zu arbeiten. Wollen wir eine enkeltaugliche Landwirtschaft, wie sie gerade politisch diskutiert wird, dann müssen wir auch unsere Ernährung revolutionieren. Die Transformation der Landwirtschaft kann nur erfolgreich gelingen mit einer gleichzeitigen Transformation des Essverhaltens.
Das beinhaltet eine Vollwertkost mit dem Fokus auf pflanzliche und weniger, aber dafür hochwertigere, tierische Lebensmittel, wie von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung in ihren zehn Regeln zur vollwertigen Ernährung gefordert oder in der IDDRI Studie vorgeschlagen.

Alexander Beck


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