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Alles Bio? – Machbar!

Das indische Sikkim hat bereits auf 100 Prozent Bio umgestellt, andere Staaten machen sich auf den Weg dahin.

In der ersten Märzwoche kamen im imposanten Schloss Kirchberg auf Einladung der Stiftung ‚Haus der Bauern‘ und der Bäuerlichen Erzeugergemeinschaft Schwäbisch Hall deutsche und internationale Gäste zusammen, um sich für zwei Tage auf dem dritten World Organic Forum über grüne Ökonomie im Kontext der UN-Ziele für nachhaltige Entwicklungen auszutauschen und Zukunftsstrategien zu entwickeln. Die Veranstaltung war professionell und mit viel Achtsamkeit organisiert und trug dazu bei, dass sich das World Organic Forum als richtungsweisende Plattform etabliert hat.

Hier in Deutschland wird mit zunehmender Unterstützung und schon fast gesellschaftlichem Konsens eine Agrarwende gefordert, was aber sowohl beim Bauernverband, der CDU als auch bei Landwirtschaftsministerin Klöckner auf taube Ohren stößt.

Derweilen bahnt sich in Indien eine ökologische Agrarrevolution an. Dies zeigten die vier Referenten aus Indien auf der Tagung sehr deutlich. Es hat sich inzwischen schon recht gut herumgesprochen, dass der indische Bundesstaat Sikkim (sozusagen das Saarland von Indien) die gesamte Landwirtschaft mit seinen 65.000 Farmen bereits komplett auf Bio umgestellt hat. Der Vize-Landwirtschaftsminister Sikkims, Khorlo Bhutia, und Dr. S. Anbalagan haben in ihren Beiträgen spannende und inspirierende Details dieser bewundernswerten Umstellung beschrieben, den Erfolg faktenbasiert präsentiert und dazu aufgerufen, dem Beispiel Sikkims weltweit zu folgen.

Wenig bekannt ist die Tatsache, dass sich Sikkims Nachbarbundesland Uttarakhand ebenfalls auf den Weg gemacht hat zu einer 100prozentigen Umstellung. Hier sind es schon 1,6 Millionen Bauern.

Am atemberaubendsten ist allerdings die Tatsache, dass der große Flächenstaat Andhra Pradesh ebenfalls ein Programm gestartet hat, ganz auf Agrarchemie zu verzichten. Dr. Vijaya Kumar und Mr. Malla Reddy versetzten die Teilnehmer mit ihrem Bericht in großes Staunen, wie unter dem Namen „Zero Budget Natural Farming“ schon innerhalb der nächsten fünf Jahre eine pestizidfreie und ökologische Landwirtschaft umgesetzt werden soll.

Dieses Programm wird für alle sechs Millionen bäuerlichen Familienbetriebe aufgelegt. Aktuell macht man gerade einen Sprung der Verdopplung mit dem Ziel, in diesem Jahr die erste Million umgestellter Betriebe zu haben.
In einem Bundesstaat, der sich ursprünglich komplett den Verheißungen und - wie heute von nahezu jedem eingesehen - dem Irrweg der sogenannten ‚Grünen Revolution‘ verschrieben hat, ist diese konsequente Kehrtwende umso beachtlicher.

Diese unglaublichen und hoffnungsmachenden Umwälzungen gibt es aber nicht nur in Indien. So hat - wie von bioPress schon berichtet - das Parlament von Kirgistan ebenfalls die Regierung beauftragt, eine 100prozentige Umstellung auf Bio in Angriff zu nehmen.

Auf dem Forum in Kirchberg berichtete  Juma Ali Juma, wie sich auch seine Heimat Sansibar auf den Weg zum ökologischen ‚grünen Sansibar‘ macht. Er hat sich als Minister für Landwirtschaft ganz diesem Ziel verschrieben, wobei er einräumte, dass sich Sansibar mit dem staatlich subventionierten intensiven Chemieeinsatz im Reisanbau noch mit Umstellungen schwer tut.

Die spannenden Beiträge der internationalen Gäste wurden hervorragend ergänzt durch die deutschen Referent /Innen. Dr. Helga Willer vom biologischen FIBL Forschungsinstitut in der Schweiz präsentierte die aktuellsten Zahlen und Statistiken der weltweiten Ausdehnung der biologischen Landwirtschaft. Zu den beeindruckenden Zahlen gehörte auch die Tatsache, dass inzwischen der weltweite Markt mit zertifizierten Bioprodukten wohl die 100 Milliarden Dollar-Grenze überschritten hat. Das ist weit mehr Umsatz als der von den großen multinationalen Konzernen à la Nestlé und Unilever.

In einer Session haben der ehemalige stellvertretende Generaldirektor der FAO, Prof. Dr. Hartwig de Haen, und der Ex-Präsident des Bundesamts für Naturschutz, Prof. Dr. Hartmut Vogtmann, darüber debattiert, ob Bio wirklich aus der Nische kommt und ob eine weltweit flächendeckende Umstellung auf Öko-Landwirtschaft nicht nur denk- sondern auch machbar ist.

Zu diesem Themenkomplex trug auch Dr. Christel Weller-Molongua bei, die Aspekte der Welternährungsfrage betonte. Mit einer engagierten und beispielreichen Rede lotete die ehemalige Landwirtschaftsministerin MdB Renate Künast aus, welchen Beitrag wir zur globalen Agrarwende beisteuern können. Und schließlich zeigte der stellvertretende Umweltminister von Baden-Württemberg, in seinem Beitrag auf, dass ökologische Landwirtschaft viel mehr ist als ‚nur‘ praktizierter Naturschutz.

Um die Vorträge und vor allem in den Workshops entspannten sich sehr interessante Debatten und man darf davon ausgehen, dass alle Teilnehmer mit dem Gefühl und vermutlich auch der Gewissheit nach Hause fuhren, dass 100 Prozent Bio nicht nur machbar ist, sondern gemacht werden muss.

Bereits tags zuvor hat der Baden-Württembergische Landwirtschaftsminister Hauck im Vorprogramm Talk im Turm zwar für sein Land 30 Prozent Biolandbau als zu seiner reichen Heimat  passendes Ziel beschrieben. In seinem weit verzweigten Vortrag konzentrierte sich Hauck dann jedoch lediglich auf die Belange des konventionellen Landbaus.

Bernward Geier


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