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Editorial

Editorial Ausgabe 96/Juli 2018, 3. Quartal

Liebe Leserinnen, liebe Leser.

Bio ist längst im Mainstream angekommen. Und das weltweit. Über zehn Milliarden Euro Jahresumsatz allein in Deutschland. Frankreich, die Schweiz, Österreich, Dänemark und, ja, auch Italien spielen in Europa auf hohem Niveau mit. In Baden- Württemberg gibt es aktuell 11,7 Prozent ökologischen Landbau. Das ist weit mehr als der durchschnittliche deutsche Bioumsatzanteil von 5,6 Prozent.

Ein großer Kuchen, wenn man bedenkt, dass dieser Umsatzanteil erst ein Drittel bis ein Viertel des allgemein erwarteten Umsatzzieles von 20 Prozent Bio ausmacht. Die Dynamik hat nicht nur den Einzelhandel erreicht. Auch die Hersteller stehen unter enormem Wachstumsdruck. Wer heute 5 Millionen Warenwert produziert, muss für seine nahe Zukunft mit 20 Millionen kalkulieren. Oder zwei bzw. mehrere Wachstumsprozesse durchmachen, wenn zu kleingliedrig und zaghaft agiert wird.

Natürlich bliebe auch die Alternative, sich stressfrei auf dem Erreichten auszuruhen. Schließlich sind viele Pioniere ursprünglich auch angetreten, neue Wege auch in einer Ökonomie ohne Wachstumsdruck zu suchen. Diese Haltung hat in den letzten Jahren einige Bio-Einzelhändler zum Aufgeben gezwungen. Der neue Bio-Supermarkt um die Ecke, eine Standortlage oder auch zwei besser, hat zu viel Kundschaft weggenommen. Der klägliche treue Rest reichte nicht zum Überleben.

So könnte auch das Schicksal von Bio-Herstellern aussehen, die zu spät realisieren, wo ihr Weg hinführt. Der reine Anbietermarkt der 90er Jahre, wo mit der Handbremse besser zu fahren war, als auf Überproduktion sitzen zu bleiben, ist schon lange den Regeln des Nachfragemarktes gewichen.  Wo jetzt gebremst wird, erfüllt irgendein anderer die Käuferwünsche. Nichts ist einfacher, als einen unterversorgten Markt zu bedienen. Die Befürchtung ist, dass Player in die Lücke springen, die bisher wenig bis nichts mit Bio am Hut hatten.

Die Antwort auf die Frage, ob man sich der Dynamik entgegen stellen oder dem Druck folgend Gas geben soll, ist also nicht mehr nur der eigenen Ethik verantwortlich. Verzögerte Entscheidungen verlieren das Heft des Handelns an diejenigen, deren Verhaltensweisen überwunden werden (w)sollten.
Einzelhändler, die ihren Laden ein oder zwei Lagen nach vorne geschoben und gleichzeitig die Fläche vergrößert haben, stehen heute vergleichsweise gut da im Wettbewerb um zahlungskräftige Bio-Kunden. Und jene Großhändler, die sich nicht nur auf ihre Nische verlassen wollten und sich zu neuen Abnehmern aufgemacht haben, müssen nicht um Wachstum und Verdrängung bangen.

Der einstmals regional aufgeteilte Großhändlermarkt ist aufgemischt von bundesweit agierenden. Einer von ihnen steht bei einer Milliarde Umsatz. Hat das in Pionierzeiten irgendwer gewollt oder zu prognostizieren gewagt?
Da gab es hehrere Ziele! Mit Bio die Umwelt retten; mit gesunder Nahrung das Lebensgefühl verbessern; Politik mit dem Kochtopf machen und der Agrochemie den Kampf ansagen. All das behält seine Gültigkeit. Aber dürfen wir den eigenen Erfolg verunglimpfen und neue Player als Trittbrettfahrer abstempeln? Mit wem soll denn die Umwelt gerettet werden, wenn nicht auch mit den täglich neu dazu gekommenen? Jeder vom Saulus zum Paulus Gewandelte ist besser als jene Heuchler, die ihr Ego bestimmen lassen wollen, wer dazu gehören darf!

Vom Biowachstumsmarkt haben viele profitiert. Insbesondere konnte der Fachhandel seinen Umsatzanteil halten. Wenn auch die Frage gestellt werden darf, ob das noch die Bioladner sind oder eher konzentrierte Systeme den Großteil der drei Milliarden Euro Fachhandels-Umsatz abschöpfen.

Erobert wurde der Mainstream im Mainstream. Steht Bio dort, wo 80 Millionen Deutsche einkaufen, steigt der Absatz. Und die neuen Kunden wagen sich dann auch in den Fachhandel. Dort wird ihnen aber erzählt, dass das Bio im LEH nur EU Standard sei und daher minderwertig. Der Naturkosteinzelhandel könne das besser. Folgerichtig wollen die Kaufleute die Marken in ihre Regale stellen, die besser sind. Schließlich sind sie bereit, ihren Kunden noch mehr Bio anzubieten und Bio weiter voran zu bringen. Sie können das!

Erich Margrander
Herausgeber

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https://www.biopress.de/de/ausgaben/show/63/ausgabe/2018/07/biopress-96-juli-2018.html



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