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Die Antwort auf Glyphosat: Koexistenz ausgeschlossen

Ein Bündnis für eine enkeltaugliche Landwirtschaft wirbt mit einer Art Biene-Maja-Sticker gegen die Kontaminierung aller Lebensbereiche durch Pestizide mit dem Slogan ,Ackergifte? Nein Danke!‘ Bisher beteiligen sich 23 namhafte Bio-Produzenten und –Händler daran. Das Ziel: Die Abkehr von der vielbeschworenen Koexistenz von konventioneller und ökologischer Landwirtschaft zugunsten einer fundamentalen Wende hin zu einer pestizidfreien Zukunft.

Die meisten von uns kennen den einen oder anderen Terminus der Agrarchemiker und die wenigsten von uns sind frei von den Wirkstoffen. Pendimethalin, Prosuflocarb und Glyphosat sind flächendeckend verbreitet, auf landwirtschaftlichen Flächen und den angrenzenden Naturräumen wie in den Städten und den dort lebenden Menschen – und wahrscheinlich allen anderen Organismen. Nach den Pilotstudien des Bündnisses ist klar: Alles und jedes ist davon betroffen, ohne Ausnahme!

Rückstandsstudien in Baumrinden widerlegen die Behauptung der Agrarindustrie, Pestizide punktgenau ausbringen zu können. Denn Baumrinden sammeln Giftstoffe aus der Atmosphäre, und das schon länger, als es Pestizide gibt.

Eine Berufsgruppe ist zuvorderst davon tangiert, nämlich die Imker. Was eine Allgegenwart von Giften konkret bedeutet, erläuterte Walter Haefeker, Präsident der European Professional Beekeepers Association, auf einer Plenumsdiskussion kurz nach der Eröffnungsveranstaltung der Biofach-Messe im Nürnberger Messezentrum: „Bienen werden nicht im Stall oder auf einem eingezäunten Stück Land gehalten. Ein Bienenvolk beweidet eine Fläche von mindestens 30 Quadratkilometern. Die Gesundheit unserer Bienen und die Qualität hängen stark davon ab, wie und unter Anwendung welcher Mittel diese Flächen bewirtschaftet werden.“

Zu den Gründungsmitgliedern des Bündnisses gehören 23 Bio-Produzenten und -Händler, darunter so bekannte Namen wie Allos Hof-Manufaktur, basic, Bohlsener Mühle, MorgenLand, Neumarkter Lammsbräu, Ökoland, Rapunzel, Sonnentor, St. Leonhards Quelle, SuperBioMarkt und Voelkel. Hinzu kommen Förderpartner Arche, Chiemgauer Naturfleisch, Herrmannsdofer Landwerk- stätten, Isana, Kräutergarten Pommerland, Landwege, Mauracher Bio-Hofbäckerei, Naturgut, Öma und Riegel Weinimport.

Stefan Paulke von der basic AG erläuterte während der Veranstaltung des Bündnisses die Motivation seiner Firma, die Initiative mit einem Forschungsetat zu unterstützen: „Entgegen allen anderslautenden Behauptungen in Zulassungsverfahren breiten sich ungewollt Pestizide über den Luftweg derartig in unserer Umwelt aus, dass die Koexistenz von ökologischem Landbau und konventioneller Bewirtschaftung unmöglich wird.“ Bei der jährlich in Deutschland ausgebrachten Menge von 40.000 Tonnen Pestiziden, die sich nicht nur in Baumrinden nachweisen lassen sondern auch im Boden akkumulieren, ist das wenig überraschend.

Johannes Heimrath, Herausgeber der Zeitschrift OYA und Mitbegründer der Bürgerinitiative Landwende in Klein Jasedow, Mecklenburg Vorpommern, definiert das so: “Das zentrale Bemühen einer enkeltauglichen Landwirtschaft besteht darin, die Lebensgemeinschaften auf den Äckern in ihrer ganzen komplexen Vielfalt zu hüten. Nur dann werden sie selbst die Bedingungen schaffen, die auch für uns Menschen ein gutes Leben sichern. Statt mit Gift Tod und Vernichtung über die Äcker zu bringen, müssen wir mit Herz und Verstand das große Leben der Feldgemeinschaft fördern.“ Zu dieser Feldgemeinschaft gehören unzählige Organismen, denn in einer Handvoll Erde sind es mehr, als Menschen auf dem Planet leben. Und die werden durch Ackergifte nachhaltig zerstört.

And the winner is: Alle sind Verlierer der Urinale

Im Rahmen der Aktion „Urinale“ haben knapp über 2000 Bürgerinnen und Bürger aus Deutschland im Zeitraum von Oktober 2015 bis Januar 2016 von dem unabhängigen und akkreditierten Labor Biocheck in Leipzig ihren Urin zum Kostendeckungsbeitrag untersuchen lassen. Diese privat finanzierte Feldstudie ist damit weltweit die größte Datensammlung zur Glyphosatbelastung der Bevölkerung. Exakt 2009 Proben der abgegebenen Proben waren auswertbar. Der erschreckende Befund: In 99,6 Prozent der Proben war Glyphosat nachweisbar, bei 79 Prozent der Probanden war die Belastung fünf- bis zweiundvierzigfach höher als der Rückstandshöchstwert für Pestizide in Trinkwasser – dieser beträgt 0,1 Nanogramm pro Milliliter. Es liegt also flächendeckend eine erhebliche Belastung vor. Das Alarmierende: Die Urinproben von Kindern und Jugendlichen ergaben die höchsten Messwerte.

Etwas mehr als die Hälfte der Teilnehmenden ernährt sich von Lebensmitteln aus ökologischem Landbau. Bei ihnen war die Belastung zwar insgesamt niedriger, doch auch sie haben durchschnittlich das Neunfache des Trinkwasserhöchstwerts im Urin. Offenbar ist es nicht möglich, in Deutschland zu leben, ohne beständig Pestizide aufzunehmen.

Der Verband ökologischer Lebensmittelwirtschaft BÖLW verweist darauf, dass es rund 25.000 Biobauern von insgesamt rund 280.000 landwirtschaftlichen Betrieben in Deutschland gebe, die ohne Glyphosat und andere Unkrautvernichtungsmittel arbeiten. Stattdessen setzen sie auf Fruchtfolgen und auf Ackerbaumethoden wie Pflügen und Striegeln um Unkräuter einzudämmen. Auch mit Hitech, sprich Robotertechnik, könnte eine Alternative zum chemischen Pflanzenschutz entwickelt werden, erklärt der BÖLW, und fordert zudem eine Pestizidabgabe. Denn der massive Verlust an Artenvielfalt, Verunreinigung des Trinkwassers oder gesundheitliche Folgekosten sind nicht Teil des Preises konventioneller Produkte und das muss in Zukunft mit eingepreist werden.

Kein Glyphosat im Angebot

Allen wissenschaftlichen Beweisführungen und langwierigen Entscheidungsprozessen auf politischer Ebene zum Trotz: Die Konsumenten wollen keine Risiken bezüglich ihrer Nahrungsmittel eingehen. Und sie finden Gehör bei den Entscheidern am Markt. Die Grenzwerte für das Totalherbizid Glyphosat sind schon vor weiteren politischen Weichenstellungen von einigen Produzenten und Marktteilnehmern aus eigener Initiative herabgesetzt und finden auf lange Sicht keinen Platz in ihrem Angebot.

Manche fordern gleich ein Verbot des Herbizids von ihren Lieferanten und reagieren so auf die Anfragen ihrer Kunden nach rückstandslosen Lebensmitteln. Ein erster Produzent ist vorangegangen und hat das Killergift von Acker und Grünflächen verbannt. Die Molkerei Berchtesgadener Land verankerte ein Verbot in den Lieferbedingungen an seine 1.800 Genossenschaftsmitglieder schon im Oktober des vergangenen Jahres, und das sowohl für seine Bio-Milch als auch für die konventionelle Linie. Der Milchverarbeiter wiederholt damit den Coup von 2010, als man sich in der Geschäftsführung für gentechnikfreie Fütterung entschied.

Gleichauf zieht die Goldsteig Käserei Bayernwald und regiert damit auf den sich stetig aufbauenden Druck von verschiedenen Seiten: Nach dem Vernichtungsmittel-Alleingang des Ex-Bundeslandwirtschaftsministers Christian Schmidt meldeten sich nicht nur entrüstete Verbraucher zu Wort, auch andere Marktteilnehmer und Interessengruppen bezogen klar Stellung gegen eine solche Ächtung ihrer Interessen.

Die Beurteilungen dieser Aktionen von Seiten des Bundesinstituts für Risikobewertung BfR und dem Deutschen Milchkontor DMK: Effekthascherei. Nach den Untersuchungsergebnissen des Milchindustrieverbandes sind keine Glyphosat-Rückstände nachweisbar und die bestimmungsmäße Anwendung des Herbizids stelle nach derzeitiger wissenschaftlicher Kenntnis kein krebserzeugendes Risiko dar.

Dass das Herbizid auf Grünflächen geringe Anwendung findet, fügt sich in die Strategie der Milchverarbeiter. Der Geschäftsführer von Goldsteig, Andreas Kraus meint hierzu, es gehe nicht darum, mit Glyphosatfreiheit Werbung zu machen, sondern darum, ein Zeichen in der Milchwirtschaft zu setzen und damit den Wünschen seiner Kunden nachzukommen, nämlich das Totalherbizid komplett von Acker und Wiese zu verbannen.

Thomas W. Baier

 

Die Partner und Förderer des „Bündnis für eine enkeltaugliche Landwirtschaft“ bekennen sich zur Verwirklichung folgender Ziele:

  • Unterstützung von Forschungsvorhaben u.a. zur Belastung von Mensch, Tier und Pflanze durch die flächendeckende Verbreitung von Ackergiften, zu pestizidfreien, humusaufbauenden und die Artenvielfalt fördernden Landbaumethoden;
  • Erarbeitung einer Roadmap zur Verwirklichung einer enkeltauglichen Landwirtschaft unter Würdigung der systemischen Verflechtungen der an der Lebensmittelversorgung beteiligten Industrien;
  • Schaffung von Dialog-Plattformen, um die landwirtschaftlich relevanten Industrien zum Mit- und Umdenken auf Basis der Roadmap einzuladen;
  • Entwicklung einer gemeinsame Stimme der Bio-Branche, um die nötige agrarpolitischen Wende wirksam und in verwirklichbaren Schritten zu unterstützen;
  • Information der Konsumentinnen und Konsumenten über ihre Möglichkeiten, zur politischen Durchsetzung einer enkeltauglichen Landwirtschaft wirksam beizutragen.

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