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Bauernzukunft

Wir brauchen endlich die Agrarwende

Mehr als 1200 Bürger und Bauern feiern in Wolpertshausen Lichtmess mit der Bäuerlichen Erzeugergemeinschaft Schwäbisch Hall

Wir brauchen endlich die Agrarwende © Harmut Volk/BESH
  BESH-Gründer Rudolf Bühler, Kämpfer für die Rechte der Bauern.

Wolpertshausen   |  Glyphosat, Bauernrente, Agrarindustrie: An brisanten Landwirtschaftsthemen mangelt es in diesen Tagen nicht. Stoff genug also für zündende politische Statements beim Dritten Hohenloher Bauerntag, zu dem die Bäuerliche Erzeugergemeinschaft Schwäbisch Hall Bürger und Bauern der Region nach Wolpertshausen (Kreis Schwäbisch Hall) geladen hatte. Mehr als 1200 Erzeuger und Verbraucher waren dem Aufruf gefolgt. Sein guter Ruf ist dem „politischen Aschermittwoch der Bauern“ (so Initiator und BESH-Gründer Rudolf Bühler) längst vorausgeeilt.

Die Situation ist ernst genug. „Früher haben die Feudalen, die Klerikalen und die Reichsstädte uns Bauern abgeschöpft“, sagte Rudolf Bühler in seiner kämpferischen Rede, „heute sind es die großen Chemie- und Saatgutkonzerne, welche über den Umweg der Gentechnik unsere Saat- und Tierzucht patentieren, und marktseitig werden wir von den Handelsmonopolen abgeschöpft.“ Deshalb müssten die Bauern aufstehen und für ihre Grundrechte einstehen. Als Mitglied im Wirtschafts- und Sozialausschuss der Vereinten Nationen wird der BESH-Gründer die Forderungen vortragen: Saatgut und Tierzucht in bäuerlicher Hand, Recht auf Land, Recht auf indigene Kultur, Schutz indigenen Wissens und gerechte Preise in einer solidarischen Volkswirtschaft. 

Um Gerechtigkeit gehe es auch bei der Bauernrente. „Hat irgendein Politiker im Wahlkampf oder bei den Groko-Verhandlungen das Thema Altersarmut bei den Bauern angesprochen?“, stellte der streitbare Landwirt eine rhetorisch gemeinte Frage. Das Thema liegt Bühler besonders am Herzen. Er hat eine Petition im Deutschen Bundestag eingereicht mit dem Ziel, die Rente der Bauern der Rente von Arbeitern und Angestellten gleichzustellen. Den Arbeitgeberanteil müsse bei den Bauern der Staat übernehmen, um den volkswirtschaftliche Nutzen bäuerlicher Landwirtschaft zu vergüten, forderte er. Unter dem Applaus der Zuhörer rief Bühler: „Ich erwarte, dass der Bauernverband endlich aufsteht und unser Anliegen unterstützt.“

„Die Bäuerliche Erzeugergemeinschaft ist die gelebte Alternative zu Globalisierung“, gratulierte - vom großen Interesse offensichtlich beeindruckt - der österreichische Landwirt Leopold Steinbichler dem Gastgeber. In der kritischen Bewertung pflichtete er dem BESH-Gründer bei: Der Bauernstand und die Forstwirtschaft als „tragende Säule unserer Gesellschaft“ würden hintangestellt als Almosenempfänger. Am Beispiel Palmöl geißelte der ehemalige Nationalrat den „Raubtierkapitalismus der Konzerne“ und forderte für die Landwirte „Preise, die die Produktion auch kostet“. 

„Es wird mehr an der Landwirtschaft verdient als die Landwirtschaft verdient“, konstatierte auch der Agrarexperte und Naturschützer Hartmut Vogtmann, der den bundesweit ersten Lehrstuhl für ökologischen Landbau in Kassel innehatte und als Wegbereiter für ökologischen Landbau in Deutschland und darüber hinaus gilt. In eindringlichen Worten schilderte der Wissenschaftler die Auswirkungen des Pestizids Glyphosat auf Natur und Umwelt. „Wenn wir wachsen wollen, muss das nachhaltig sein“, erteilte Vogtmann dem „Agrobusiness“ eine Absage und forderte eine Forschungswende, die die Bauern einbinde: „Wir müssen Landwirtschaft neu denken und dafür brauchen wir öffentliche Mittel.“

  • © Harmut Volk/BESH
Rezzo Schlauch, ehemaliger Grüner Spitzenpolitiker, liest dem Bauernverband die Leviten.

Deutliche Worte an die Adresse der Lebensmittelindustrie richtete ebenso Maria Heubuch (Bündnis 90/Die Grünen). Nicht die Bauern, sondern die Konzerne profitierten von einem Landwirtschaftssystem, das auf Glyphosat aufgebaut ist. „Die Politik muss den Übergang zu einem nachhaltigen Landwirtschaftsmodell begleiten“, forderte die Bäuerin, die Mitglied des Europaparlaments ist, und rief den Anwesenden zu: „Wir brauchen endlich die Agrarwende, packen wir’s an.“

Nach üppigem Essen, eindringlicher Mundart-Predigt von Bauernpfarrer „im Unruhestand“ Willi Mönikheim sowie den vielen Beiträgen war den Zuhörern zu fortgeschrittener Stunde freilich weniger zum Anpacken zumute. Dem ehemaligen Grünen Spitzenpolitiker Rezzo Schlauch gelang es dennoch, das Publikum zu Beifallsstürmen hinzureißen. In „selbstverständlich kritischer Freundschaft“ las der Hohenloher dem Bauernverband, der mit fünf Vertretern im Saal saß, gehörig die Leviten. Aber gute Beispiele setzten sich durch, das zeige die Entwicklung der Bäuerlichen Erzeugergemeinschaft. „Vor 30 Jahren gehörte die BESH zu den Pionieren, heute zu den Champions“, schloss Schlauch: „Die anderen müssen aufpassen, dass sie nicht zur Nische werden!


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