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Der direkte Draht zum Bauern

Marktgesellschaft der Naturland Bauern handelt mit Erzeugnissen von über 2.000 Bio-Betrieben

Der direkte Draht zum Bauern

Die Marktgesellschaft der Naturland Bauern mit Sitz im bayerischen Hohenkammer ist die größte deutschlandweit arbeitende Bio-Erzeugergemeinschaft. Jährlich vermarktet sie pflanzliche und tierische Produkte von über 2.000 Bio-Betrieben mit mehr als 150.000 Hektar. 900 Landwirte sind als Aktionäre an der Marktgesellschaft beteiligt. 2016 setzte sie rund 60 Millionen Euro um.

„Der hohe Anteil an heimischer Verbandsware ist eines unserer Alleinstellungsmerkmale. 90 Prozent stammen von Betrieben aus Deutschland“, sagt Vorstand Jörg Große-Lochtmann. Er sieht die Marktgesellschaft, die im letzten Jahr ihr 25-jähriges Bestehen feierte, in der Zusammenarbeit mit ihren Verarbeitern und der bundesweiten Naturland-Fachberatung gut aufgestellt.

Vor zwei Jahren wurde die einstige GmbH zur Eigenkapital-Stärkung in eine AG umgewandelt. „Unsere Landwirte sind von Anfang an am Gewinn beteiligt. Durch die Umfirmierung sind wir deutlich gestärkt. Jetzt können auch neue Aktionäre in das Unternehmen einsteigen. Wir sind aber weiterhin stark genossenschaftlich ausgerichtet. Unser Aufsichtsrat besteht satzungsgemäß zu mindestens zwei Dritteln aus Erzeugerbetrieben“, sagt er. „Wir sind eine Gemeinschaft von Ökobauern, die ohne externe Investoren auskommt.“

Die Marktgesellschaft, die neben einem zweiten Büro-Standort in Berlin auch regionale Mitarbeiter beschäftigt und eigene Getreidelager in Bayern, Baden-Württemberg, Hessen und  Sachsen-Anhalt hat, verhandelt im Interesse der Bauern mit Verarbeitern wie Mühlen und Metzgereien, aber auch Händlern wie Dennree, Feneberg, Tegut, Rewe und Edeka. Aktuell beschäftigt sie 45 Mitarbeiter. Sie ist organisiert in den Ressorts Saatgut, tierische und pflanzliche Produkte. Obst und Gemüse sollen bald eine eigene Abteilung bilden.

Ökologische Züchtung und Saatgut im eigenen Kreislauf

Die Marktgesellschaft engagiert sich auch gezielt in der Züchtung verschiedener Arten und spezieller Sorten. Vor allem im Bereich Wintererbsen ist sie erfolgreich. Für ihr Engagement in der Züchtung haben drei Naturland-Betriebe in der Bewerbergemeinschaft mit der Marktgesellschaft den Bundeswettbewerb Ökologischer Landbau 2017 gewonnen.

„Unser Spektrum im Saatgutbereich reicht von Futterpflanzen und Zwischenfrüchten über Getreide und Grob-    leguminosen, Feinsämereien bis hin zu Gemüsesaatgut und Pflanzkartoffeln“, so Michael Konrad, Ressortleiter für Saatgut. „Dazu stehen regionale Saatgutberater den Landwirten bei allen Fragen zur richtigen Saatgut-Auswahl zur Seite.“

Druschfrüchte

Zudem erfasst die Marktgesellschaft jedes Jahr deutschlandweit rund 60.000 Tonnen Druschfrüchte, wie Getreide, Leguminosen und Ölsaaten. Das ist die größte Menge, die von einer Erzeugergemeinschaft in Deutschland zusammengetragen wird. Zwei Drittel davon sind Speiseware, wie Weizen, Roggen, Braugerste, Dinkel und Hafer. Ein Drittel wird zu Tierfutter weiterverarbeitet.

„Wir organisieren auch die Lagerung, entweder auf den Erzeugerhöfen oder in eigenen oder gemeinschaftlich angemieteten Getreidelagern“, so Große-Lochtmann. Zwei eigene Lager befinden sich in Klötze bei Magdeburg und in Klein-Zimmern, nahe Darmstadt. Im Juli bezieht die Marktgesellschaft ein weiteres Lager in Landshut.

Kartoffeln, Obst und Gemüse

Die Vermarktung von Kartoffeln sei in den letzten Jahren vor allem in Süddeutschland weiterentwickelt worden. Zudem würden bundesweit Kartoffeln erfasst, die in Deutschland, Holland und Belgien weiterverarbeitet werden, sagt Stefan Zeiper, Spezialist für Obst & Gemüse.
Insgesamt vertreiben 120 Erzeuger ihr Obst und Gemüse über die Marktgesellschaft. „In diesem Bereich vermarkten wir hauptsächlich Verarbeitungsware, wie Äpfel und Rhabarber, Karotten, Rote Bete oder Spinat. Je nach Projekt kooperieren wir dabei auch mit Nachbarländern“, so Zeiper. „Der Frischebereich wird von unserer ‚Schwester‘, der Genossenschaft der Ökobauern, betreut. Mit ihr arbeiten wir arbeitsteilig zusammen.“ Insgesamt produzieren 1.500 Erzeuger ihre pflanzlichen Rohstoffe für die Marktgesellschaft.

Gezielt ergänzen durch Kooperationen mit Ausland

Die heimische Erzeugung sei in den letzten fünf Jahren nicht ausreichend mitgewachsen. Im Gegensatz zur steigenden Nachfrage. „Zurzeit gibt es einen regionalen Öko-Boom des Handels. Alle wollen heimische Bio-Ware und Verbandsware aus Deutschland. Aber es gibt aktuell nicht genügend Kapazitäten“, so Große-Lochtmann.

Die Marktgesellschaft sei in erster Linie darauf bedacht, ihre Verbandsware aus Deutschland zu beziehen, und das möglichst regional. Gebe es nicht genügend Rohstoffe in einer Region, greife sie auf überregionale und nur ergänzend auf ausländische Bio-Produkte zurück. „Wir waren schon vor über 20 Jahren ein gewisser Exot, da wir eine der ersten Erzeugergemeinschaften waren, die schon überregional in Deutschland tätig gewesen sind. Heute beschränken wir uns bewusst auf heimische Produkte und arbeiten nur in Projekten mit dem Ausland zusammen, um das heimische Sortiment zu ergänzen. Wir suchen nicht breit Erzeuger im Ausland, aber durchaus Partner zur Qualitätsabsicherung, zum Beispiel im Weizenbereich mit Erzeugerstrukturen in Österreich.“

Die Umstellungswelle bei den Tierhaltern habe einerseits zu einer noch größeren Knappheit von heimischem Getreide und vor allem Leguminosen geführt. Andererseits stellten jetzt auch immer mehr Ackerbauern auf Bio um, sodass sich Angebot und Nachfrage in den nächsten Jahren wieder ausgleichen könnten. Getreide erhalte die Marktgesellschaft ausschließlich aus Europa. Die größte Menge deckten Deutschland und Österreich ab. Ein kleinerer Teil komme aus Ungarn.

Ernteschwankungen gebe es auch bei Bio-Raps. „Generell wird in Deutschland zu wenig Raps in Bio-Qualität angebaut, weshalb wir den Rohstoff aus dem Ausland ergänzen“, erklärt Große-Lochtmann. „Die ausländischen Betriebe müssen nicht immer bereits Naturland-zertifiziert sein. Wir legen jedoch viel Wert auf einen vergleichbaren Standard und eine dauerhafte persönliche Beziehung mit unseren Projektpartnern. Die Naturland-Fachberatung schaut sich deshalb die Betriebe vor Ort an.“

Tierische Produkte

Knapp 700 Landwirte vermarkten ihre Schweine, Ferkel, Rinder, Lämmer, Gänse oder Enten über die Marktgesellschaft. „Wir haben uns auf den Handel mit Schweine- und Rindfleisch spezialisiert und die Mastkapazitäten in den letzten Jahren weiter ausgebaut“, sagt Tomás Sonntag, Ressortleiter für tierische Produkte.

Die AG vermarkte jedes Jahr rund 50.000 Schweine und 5.000 Rinder an Metzgereien, Verarbeiter, den Naturkosthandel und LEH. Sie stammen von Betrieben, die jährlich zwischen 150 und 4.000 Tiere liefern. „Wir arbeiten mit unseren Aktionären nach einem einheitlichen System und bieten allen die Teilnahme an einem Preisabsicherungsfonds an, der die Preisrisiken im Schweine-Markt abpuffert. Der Bio-Marktanteil im gesamten Schweinebereich liegt bei ein Prozent. Ich sehe hier weiterhin einen langfristigen Trend nach oben“, so Sonntag. Bei Ferkeln gebe es zurzeit Engpässe.

Die Zahl der jährlich vermarkteten Lämmer ist mit 3.000 eher gering. „Gänse und Enten sind zurzeit nur ein Saisongeschäft. Zudem haben wir kleinere regionale Projekte, in denen wir uns um die Vermarktung von Spezialitäten kümmern“, sagt er. „Kleine Chargen wie beim Geflügel oder auch die des Havelländer Apfelschweins erfordern eine zusätzliche Logistik“, ergänzt Große-Lochtmann.

Auch Kuhmilch werde in den jeweiligen Regionen erfasst und an die Molkereien Berchtesgadener Land in Piding und Scheitz in Andechs geliefert.

Eigen- und Herstellermarken

Die Erzeugnisse der Marktgesellschaft werden einerseits als Eigenmarken des Handels und andererseits als Herstellermarken vertrieben. „In den LEH gelangen rund 50 Prozent unserer tierischen Produkte, die andere Hälfte wird in den Naturkosthandel geliefert – hauptsächlich zu Metzgereien wie Landfrau, Packlhof, Biomanufaktur Havelland oder auch Tagwerk“, sagt Sonntag.

Die von der Marktgesellschaft belieferten Metzgereien vermarkten Wurst und Fleisch über verschiedene Labels, ebenso wie die größeren Verarbeiter für den LEH. Altdorfer Biofleisch zum Beispiel versieht seine gleichnamige Herstellermarke und die Handelsmarke Rewe Bio mit dem Naturland-Zeichen. Auch die Öko-Metzgerei Landfrau von der Hofpfisterei verkauft Fleisch und Wurst von Tieren der Marktgesellschaft unter ihrer Marke mit Naturland-Siegel. 

Zudem erhalten die größeren Verarbeiter 70 bis 80 Prozent der tierischen Produkte aus ihrer jeweiligen Region. Kleinere Produktionsstätten stellen ausschließlich regionale Fleisch- und Wurstprodukte her, wie die Biomanufaktur Havelland. Der Lebensmittelhändler Feneberg vermarktet in seinen Märkten Naturland-Vertragsware unter seiner Regionalmarke ‚Von Hier‘ mit detaillierter Herkunftsangabe der Erzeuger. Die Erzeuger haben mittelfristige Lieferverträge bei Schweinen mit einem besonders fairen Preissystem, das auch die Futterkostenentwicklung berücksichtigt. „Gerade bei tierischen Produkten ist Verbrauchern ein regionaler Bezug besonders wichtig“, sagt Sonntag.

Die Marktgesellschaft selbst hat vor einigen Jahren begonnen, ihre Eigenmarke ‚Die Guten‘ exklusiv für den Naturkosthandel zu entwickeln, mit der sie Gemüse und Gerichte auf Kartoffelbasis sowie TK-Obst vermarktet. „Da wir nicht in Konkurrenz zu unseren Verarbeitern treten wollen, werden wir uns in diesem Bereich sehr gezielt aufstellen“, wirft Große-Lochtmann ein.

Mit regionalen Projekten lokale Wertschöpfungsketten stärken

Um lokale Wertschöpfungsketten zu stärken, führt die Marktgesellschaft gemeinsam mit Verarbeitern und Händlern regionale Projekte durch. Der Schwerpunkt liegt bisher in Bayern. Es gibt aber auch Kooperationen in Baden-Württemberg, der Rhein-Ruhr-Region, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern.

„Unser erstes Regionalprojekt haben wir vor über 20 Jahren mit der Hofpfisterei gestartet. Sie vertreibt zu 80 Prozent heimische Ware, die sie über uns bezieht“, sagt Große-Lochtmann. „Dieses Leuchtturmprojekt haben wir auf weitere Verarbeiter übertragen, zum Beispiel auch auf die Rubinmühle in Lahr und im Vogtland. Unsere regionalen Projekte verschaffen Verarbeitern und Landwirten eine langfristige Zusammenarbeit durch Vertragsanbau.Eben- so ist es uns wichtig, den Weg eines Produkts vom Acker bis zum fertigen Produkt transparent zu gestalten.“

Ein weiteres regionales Projekt ist ‚Ei care‘. „Es ist neben den Hermannsdorfer Landwerkstätten das einzige Projekt, welches eine umfassende Alternative zur bisherigen ökologischen Geflügelhaltung umsetzt. Naturland-Betriebe in Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg halten Zweinutzungshühner, die sowohl Eier als auch Fleisch liefern und besonders artgerecht leben. Die Ware wird von Terra Naturkost in die regionalen Bioläden gebracht“, sagt Große-Lochtmann. Über die Internetseite der von der Marktgesellschaft initiierten Kampagne www.bio-mit-gesicht.de können die Verbraucher mehr über das Profil des Bio-Betriebs erfahren.

In den nächsten Jahren sollen weitere regionale Projekte folgen. Insgesamt sieht Große-Lochtmann die Marktgesellschaft auf einem guten Weg: „Wir verzeichnen in allen Ressorts eine deutliche Nachfrage von Verarbeitern und Händlern nach Bio-Rohstoffen. Davon sollen und müssen unsere heimischen Landwirte auch in Zukunft weiter profitieren.“

Sina Hindersmann


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