Start / Ausgaben / bioPress 84 - Juli 2015 / Spezial-Versand für Frei-von-Produkte

Handel

Spezial-Versand für Frei-von-Produkte

Tobias Höhne gründet als Betroffener ein neues Ladenformat

Der Unverträglichkeitsladen in Recklinghausen in Nordrhein-Westfalen nimmt sich Kunden mit Ernährungsproblemen an. Tobias Höhne hat den Online-Versand vor zwei Jahren gegründet und damit ein neues Ladenformat für Bio-Produkte geschaffen. Frei von entwickelt sich zu einer Kategorie im Lebensmittelhandel. Die Biofach 2015 rückte das Thema in den Blickpunkt. Mit der Free From Food Expo, die dieses Jahr in Barcelona abgehalten wurde, gibt es bereits eine eigene Messe.

Höhne leidet selbst an einer Unverträglichkeit. Vor fünf Jahren hat sein Arzt bei ihm die Diagnose Histamin-Intoleranz gestellt. Magen- und Darmbeschwerden hatten Höhne geplagt. „Es gibt keine Hersteller, die histaminfreie Produkte ausloben. Es gibt nämlich keine histaminfreien Lebensmittel, nur histaminarme Produkte. Auch im Handel fand ich keine Beratung“, berichtet er von seinen Erfahrungen. Anhand der Zutatenlisten hat der studierte Sozialwissenschaftler selbst geprüft, was er verträgt.  So sind etwa Fisch, Meeresfrüchte, Soja und Rotwein stark histaminhaltig.
„Rotwein ist eine Histaminbombe“, sagt der Online-Händler. Manche Winzer machen Rotwein mit geringem Histamin-Gehalt und machen das auf dem Etikett kenntlich. Der Unverträglichkeitsladen hat einige histaminarme Tropfen im Sortiment. Gleichzeitig sind die Weine fructosearm, haben also wenig Restsüße, und eignen sich damit auch für Menschen mit Fructose-Unverträglichkeit.

Eigenes Leiden wird zur Geschäftsidee

Höhne hat  Informationen im Interesse der eigenen Gesundheit gesammelt. Irgendwann wurde das Wissen im Kopf des Sozialwissenschaftlers zur Geschäftsidee. Über das ausgewählte Sortiment stellt er sein Wissen anderen Menschen mit Ernährungsproblemen zur Verfügung. Halbtags arbeitet Höhne noch in seinem ursprünglichen Beruf im Buch- und Zeitschriftenhandel. Der Unverträglichkeitsladen birgt das Potenzial, um zur Vollzeitbeschäftigung zu werden.

Der Unverträglichkeitsladen spricht Kunden an, die sich lactose-, glutenfrei,  fructose-, histaminarm oder vegan ernähren müssen oder wollen. Ein Sortiment von mehr als 400 Produkten hat Gründer Höhne zusammengestellt. Mit Bedacht hat der Westfale Bio-Produkte ausgesucht. „Ich will möglichst natürliche Produkte anbieten. In Bio-Lebensmitteln sind weniger Zusatzstoffe erlaubt, und damit ist die Zahl der Stoffe, die allergen wirken können, geringer“, nennt er als Begründung. Die mittelständischen Bio-Hersteller wie die Naturkornmühle Werz, Bauck oder Schnitzer zählen zu den Pionieren der glutenfreien Lebensmittel.

Er vertreibt das Sortiment online per Paketversand. Auch im Ausland hat er Kunden. Seine Produkte beschafft er vielfach beim Naturkost-Großhandel. Einkauf beim Hersteller funktioniert wegen der zu geringen Bestellmengen nicht immer. Aber zahlreiche Produkte kommen direkt von den Herstellern. Frische und tiefgekühlte Produkte vertreibt der Unverträglichkeitsladen nicht. Das erfordert eine eigene Logistik.

Mehrere Millionen Betroffene

Die Zielgruppe umfasst bundesweit eine mehrere Millionen starke Gruppe von Menschen. Rund ein Prozent der Bundesbürger leidet an Histamin-Unverträglichkeit, ein halbes Prozent  an Gluten-Unverträglichkeit, 15 Prozent leiden an Lactose-Unverträglichkeit. Hinzu kommt die Fructose-Intoleranz in ihrer häufigsten Form der Fructose-Malabsorption. Rund 30 Prozent der Menschen sollen davon betroffen sein.

Ein Prozent ernährt sich inzwischen vegan mit steigender Tendenz und nochmals acht Prozent ernähren sich vegetarisch. Vegane Produkte führt der Unverträglichkeitsladen ebenfalls. Die vegane Lebensweise beruht auf einer ethischen Einstellung, auf Tierprodukte zu verzichten. Ein Siegel zeigt oft an: Das Produkt ist tierfrei. Bei Wein und Säften muss das Getränk in der Kellerei ohne Eiweiß geklärt worden sein.

Zutatenlisten auf dem Etikett studieren, Hersteller-Angaben anfordern und mit den Informationen über verträgliche Lebensmittel abgleichen ist ein wichtiger und zeitaufwändiger Teil der Arbeit von Höhne. Die Hersteller ändern die Rezepturen, so dass die Arbeit nie endet, wie die des Sisyphus. Des Fachgeschäft führt Betroffene ohne Umwege zum richtigen Produkt. Das ist die besondere Leistung, die Inhaber Höhne erbringt.

Anton Großkinsky


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