Start / Ausgaben / BioPress 71 - Mai 2012 / Indien – Mutterland für Fairtrade-Produkte

Indien – Mutterland für Fairtrade-Produkte

Beim Stichwort Indien denken viele Menschen sofort an Tee. Tatsächlich kommen aus dem Subkontinent mit Darjeeling und Assam die berühmtesten Teesorten der Welt. Doch auch in anderen Regionen Indiens wächst Tee hervorragend, zum Beispiel im südindischen Nilgiri. Bei einem zunehmenden Anteil handelt es sich um Bio- und Fairtrade-Qualität, was die Lebensumstände von Zehntausenden von Kleinbauern und Plantagenarbeiter verbessert hat. 

Thanganani steht mitten in einem Feld aus hüfthohen, sattgrünen Teesträuchern. Zu hören ist nur der Gesang vieler Vögel und das leise Pflückgeräusch. Mit beiden Händen pflückt die 52 jährige Inderin von jedem Zweig nur die obersten zwei Blätter und die zarte Knospe, die sie gekonnt in den offenen Sack auf dem Rücken wirft. Rund 20.000 mal am Tag.

Thanganani arbeitet schnell und routiniert, mit beiden Händen. Schließlich ist das schon seit  31 Jahren ihr Job. Allmorgendlich teilt Krishnan, der Field Officer, sie und die anderen Pflückerinnen so ein, dass jedes einzelne Feld in einem regelmäßigen Turnus immer wieder neu abgeerntet wird. Unterbrochen von einer halben Stunde Mittagspause, arbeiten die Frauen – auf Teefeldern arbeiten fast ausschließlich Frauen – durch bis halb fünf.

Mit Schichtende setzt munteres Geplapper ein, während sie mit ihren üppig gefüllten Säcken zum Sammelplatz gehen. Dort wiegt Krishnan die Menge jeder Pflückerin ab und notiert das Ergebnis in einem Buch, bevor die Teeblätter dann sogleich mit dem LKW in die nahe Fabrik gefahren werden. 

Was so idyllisch ausschaut, ist nicht die ganze Wahrheit. Als immergrüne Pflanze kann Tee das ganze Jahr über geerntet werden, das heißt im heißen Sommer ebenso wie in den schwülen, nassen Monsunmonaten. Saugende Insekten quälen die Pflückerinnen. Die bis zu 15 Kilo schweren Säcke, die sie auf dem Kopf befestigt haben, führen immer wieder zu Verspannungen und Kopfschmerzen. Zehn Stunden auf dem Feld sind keine Seltenheit, und trotzdem ist der Lohn gering.

Thanganani arbeitet jedoch auf Burnside Tea Estate, einer Fairtrade-zeritifierten Teeplantage, und profitiert dadurch von vielen sozialen und wirtschaftlichen Vorteilen. Liegt der durchschnittliche Tageslohn einer Pflückerin bei 0,90 bis 1,30 Euro, verdienen sie hier mindestens 138 Rupies pro Tag, das sind rund 2 Euro. Durch Mengenzuschläge kommen sie in der Regel sogar auf 2,30 Euro.

Burnside Estate ist mit zwei weiteren Teeplantagen Teil der Firmengruppe Southern Tree Farms Ltd. und mit 600.000 Kilo Tee der größte Produzent im Distrikt Nilgiri. Gleich ein Jahr nach der Gründung, im Jahr 1994, wurden alle drei Plantagen Fairtrade-Partner. Durch die festgesetzten Mindestpreise kann das Unternehmen viel unabhängiger vom ansonsten von wenigen Unternehmen kontrollierten Tee-Markt agieren. Der Fairtrade-Preis liegt hier bei 2,00 US-Dollar (USD) pro Kilogramm und 2,20 USD für Bio-Ware (1,50 beziehungsweise 1,64 Euro/Kg). Liegen die Marktpreise über dem Fairtrade-Mindestpreis, so wie aktuell, bekommen die Produzenten diesen ausgezahlt.

Laut Seniormanager K. C. Ponnappa konzentriert sich Burnside seit 2003 auf den Export von Grüntee. Wie in vielen Betrieben konnte in den letzten Jahren nicht alles als Fairtrade-Tee abgesetzt werden, aber doch 35 bis 36 Prozent.

Die von den Abnehmern gezahlte Fairtrade-Prämie von derzeit 0,50 USD pro Kilogramm Tee kommt direkt den Pflückerinnen und Arbeitern in der Fabrik zu Gute. Über die Verwendung entscheidet der Joint Body, die demokratisch gewählten Vertreter der 350 köpfigen Belegschaft. Daneben gehören zu den Fairtrade-Standards umfassende Arbeitsrechte, die über den staatlichen Plantations Labour Act hinausgehen. Dazu gehören medizinische Versorgung, Krankengeld und andere Gesundheitsschutzmaßnahmen, Tarifverhandlungen oder das Verbot von Diskriminierung und Kinderarbeit. Alles Selbstverständlichkeiten in unseren westlichen Demokratien. Umweltschutzmaßnahmen sind zwar kein zentraler Punkt, aber ebenfalls fester Bestandteil der Fairtrade-Standards.

„Uns ist der Austausch mit den Produzenten vor Ort wichtig, um zu erfahren, vor welchen Herausforderungen die Menschen hier stehen. Nur so können wir unser System stetig verbessern, sagt Dieter Overath von TransFair bei einem Besuch von Burnside und anderen Fairtrade-Partnern im Januar. Als dienstältester Direktor wolle er sehen, ob die Plantagen-Arbeiter durch die Joint Bodys wirklich selbstbewusster geworden seien. Für die sechs Frauen und Männern im Joint Body bei Burnside ist es genauso spannend, die deutschen Fairtrade-Partner persönlich kennen zu lernen.

Nur anfangs noch etwas scheu, zählen sie Beispiele für den Einsatz der Prämie auf. Mal konnten sie eigene Gemüsegärten zum Eigenverbrauch und Verkauf auf dem lokalen Markt anlegen, mal wurden Hepatitis B-Impfungen durchgeführt, mal in Straßenbeleuchtung und Verbesserung der Wasserversorgung für das ganze Dorf investiert. Im Fokus steht jedoch immer wieder der Wunsch nach einer guten Ausbildung für die Kinder. Daher fließt die Prämie oft in die High School, für Computer, Wasserfilter, Toiletten und anderes mehr. Overath hakt ein: „Was wollen eure Kinder denn so werden?“ Lehrer, Ingenieur, Krankenschwester, lauten die Antworten. Auf die Frage: „Wer wird nach euch den Tee ernten? “, erntet er verlegenes Schulterzucken. Irgendjemand werde kommen.

Firmenchef Ponnappa sieht dieses allgegenwärtige Problem natürlich ebenfalls. Die Jugend wandere ab, da die Verdienstaussichten in anderen Berufen und in der Stadt scheinbar größer seien. Schon jetzt müssten die Plantagen immer wieder auf Arbeitskräfte aus dem Norden Indiens zurückgreifen, was durch deren ganz andere Sprache wiederum die Kommunikation schwerer mache. Aber auch hier greift der Fair-Gedanke, indem die Arbeiter auf dem Gelände in einer Siedlung mit fließend Wasser und Strom wohnen können und indem Raju Ganapathy, der Produzenten-Berater für Fairtrade International in Südindien, sie jederzeit unterstützt.

„Armut ist der größte Feind der Menschen – und der Umwelt“, sagt Overath, auf dem Weg zur nächsten Tee-Plantage, Thiashola Plantations Estate. Mit einem Anteil von fast 80 Prozent sei Tee ein sehr gutes Beispiel für die erfolgreiche Kombination von Bio plus Fairtrade. Er fügt hinzu: „Bio-Tee war in den 90ern noch nicht besonders stark. Das zeigt, dass Fairtrade auch die Umstellung auf ökologischen Anbau fördern kann. Bio-Anbau greift ja auch an vielen Stellen gleichzeitig und bedeutet nicht nur, die Pestizide wegzulassen. Insofern sind Bio und Fairtrade Zwillinge – aber keine Eineiigen.“

Mit 2.100 Metern gilt Thiashola als höchste Teeplantage der Region, und je höher, desto höherwertig ist in der Regel auch der Tee. Die Luft ist frisch und klar. Radhakrishnan begrüßt die kleine Fairtrade-Gruppe mit einem frischen zitronigen Grüntee. Seit 13 Jahren ist er Seniorchef der Firma und kennt sich bestens aus mit der langen Historie der Plantage, die schon zur britischen Kolonialzeit gegründet wurde, 190 Hektar groß ist und fast 500 Menschen Arbeit gibt. Zum anderen aber auch mit dem ökologischen Anbau, der hier auf Thiashola seit 2000 betrieben und  2008 um die Fairtrade-Zertifizerung ergänzt wurde. 

„85 Prozent der Plantage sind durch den umgebenden Dschungel und der Rest durch Hecken vor Pestizidabdrift von konventionellen Nachbarplantagen geschützt“, erzählt Radhakrishnan beim Gang durch die Teefelder. Den kompletten Verzicht auf Pestizide könne man natürlich nicht sehen, wohl aber die wesentlich breiteren Reihenabstände und die dazwischen gedeihenden Gräser und Kräuter.

Dies diene zusammen mit den dazwischen wachsenden Silver-Oaks der Feuchtigkeitsregulierung und habe zugleich zu einer erhöhten Vielfalt an Vögeln und Nutzinsekten geführt, erklärt er weiter. „Während der dreijährigen Umstellungszeit auf ökologischen Anbau und dem damit verbundenen kompletten Verzicht auf chemisch-synthetische Düngemittel ist unsere Produktivität zunächst deutlich gesunken, von 2.450 auf 1.500 Kilo pro Hektar. Mittlerweile ernten wir aber wieder rund 1.900 Kilo.“ Eine Maßnahme zur natürlichen Bodenverbesserung stellt er den Gästen stolz am lebenden Objekt vor: Große Kompostkisten mit Unmengen von Regenwürmern, die Kuhdung zu natürlichem Dünger umsetzen.

Im Gegensatz zu den nur fairtrade-zertifizierten Tees, kann Thiashola die Bio-Tees komplett als Fairtrade-Bio-Tees verkaufen. Radhakrishnan erklärt das mit der generell hohen Nachfrage nach Bio-Tee. Außerdem habe der ökologische Anbau zu besserer Qualität und Geschmack geführt, so dass sie bei ihren Handelspartnern in Deutschland und Australien auch höhere Preise erzielen könnten. Die traditionelle Handpflückung sowie die rasche und schonende Weiterverarbeitung sind weitere Voraussetzungen dafür.

In der kleinen Fabrik von Thiashola werden die Teeblätter für etwa zwölf Stunden zum Welken auf langen Bändern ausgebreitet und mit einem Luftstrom vorgetrocknet. Anschließend kommen sie für eine halbe Stunde in Roller-Maschinen. Durch Quetschen und Rollen brechen die Blattzellen auf, der Pflanzensaft tritt aus und kann mit dem Sauerstoff in der Luft reagieren. Bei der Fermentation auf der nächsten Maschine verfärbt sich der Blätterbrei; jetzt entstehen die typische Farbe und das Aroma.

Ähnlich ist der Prozess bei Grüntee, nur wird hier die Fermentation durch einen Dämpfschritt unterbunden. Bei beiden Varianten werden die Blätter danach schonend mit Heißluft getrocknet und in unterschiedliche Blattgrade und Farbstufen sortiert. Dann erst füllen ihn die Arbeiter in große Säcke, in denen er die weite Reise zu den Tee-Fans antritt.

Bettina Pabel

 

Statements von Importeuren indischer Fairtrade-Tees

„Darboven engagiert sich mit EILLES TEE für den Fairen Handel, da wir damit auch eine soziale Verantwortung für die an der Teeernte beteiligten Menschen übernehmen. Hauptaugenmerk ist die Hilfe zur Selbsthilfe. Ökologischer Landbau und fairer Handel sind dabei eng miteinander verknüpft, da die Ressourcen nachhaltig für die folgenden Generationen erhalten bleiben müssen.

Mit Qualitätssorten aus Nilgiri können wir ein international stark nachgefragtes Genussprodukt, wie English Breakfast Tea, charmant mit dem Fairtrade und Bio-Siegel verknüpfen. Hohe Qualitäten stehen jedoch nicht in unendlichen Mengen zur Verfügung, daher bieten wir den Tee nur in unseren eigenen Fachgeschäften und für die Gastronomie & Hotellerie an, wo Bio Fairtrade Produkte auch entsprechend erklärt und präsentiert werden können.“ (Susanne Albrecht, Leiterin Einkauf & Produktmarketing EILLES TEE & WINDSOR CASTLE TEA & HORNIG TEE & CHAIPUR)

„TEEKANNE arbeitet seit 1996 mit Fairtrade zusammen. So wollen wir dazu beitragen, dass die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Teepflückerfamilien verbessert werden können. Wir führen eine lose Indische Teemischung Fairtrade aus Nilgiri und Darjeeling sowie einen Grünen Tee Fairtrade. Die Einführung weiterer gemeinsamer Produkte ist aber durchaus möglich. Mittlerweile tragen 13 Prozent der verkauften losen TEEKANNE Tees das Fairtrade-Siegel, was für das wachsende Interesse des Handels spricht. Zudem rückt die Übernahme sozialer Verantwortung zunehmend ins Blickfeld und stärkt die Forderung nach entsprechenden Produkten.“ (Jesper Petersen, Leiter Marketing/PR, Teekanne GmbH & Co. KG)

„Hälssen & Lyon ist seit 1994 EU-Bio-zertifiziert und handelt seit 1995 FLO-Fairtrade-zertifizierte Ware. Wir tauschen uns eng mit unseren Südindischen Geschäftspartnern aus und besuchen die Plantagen regelmäßig. Das Geschäft mit Tees aus ökologischem Anbau und sozial-nachhaltigen Projekten hat sich in den letzten Jahren sehr gut entwickelt. Das Marktvolumen stieg im letzten Jahr schätzungsweise um zehn Prozent. Neben einer stetig wachsenden Nachfrage nach Bio-Tees, haben auch die FLO-Fairtrade-zertifizierten Waren stark zugelegt. In mehr als 95 Prozent haben unsere Nilgiri-Tees beide Zertifizierungen und werden überwiegend als Fannings in Teebeuteln von unseren LEH-Kunden angeboten.“ (An­dreas Breuch, Prokurist Hälssen & Lyon)

Wieviel Bio ist in Fairtrade aus Indien?

bioPress im Gespräch mit Dieter Overath:
bP: Sie wollten sehen, ob Fairtrade die Situation der indischen Plantagenarbeiter und Kleinbauern verbessert hat. Wie ist Ihr Eindruck?

Dieter Overath: Auch in Indien werden die Produzentenorganisationen zunehmend selbstbewusster. Auffällig ist dabei die starke Präsenz der Frauen, die hier früher kaum etwas zu sagen hatten. Das haben wir besonders deutlich bei den besuchten Baumwoll-Bauern bemerkt.

Nun müssen auch die Unternehmen hier die Produzenten im Süden als gleichberechtigte Partner sehen. Eine wirklich faire Gleichberechtigung ist allerdings noch längst nicht erreicht.  Angesichts dessen, dass in Indien zum Beispiel drei Konzerne mit ihren Aufkäufen den Teemarkt kontrollieren und damit starken Einfluss auf die Veränderung der Lebensverhältnisse der Menschen vor Ort haben, bedarf es weiterhin einer Alternative.

Positiv entwickeln sich ansonsten die Fairtrade-Organisationen vor Ort, deren Entscheidungsbefugnis auf strategischer Seite bewusst gestärkt wurde. Diese Netzwerke halten jetzt 50 Prozent der Stimmen im Fairtrade-System. Das führt einerseits zu intensiven internationalen Debatten, andererseits aber auch zu einem fruchtbaren Informationsaustausch.

bP: Wo liegt in Bezug auf Indien jetzt Ihre größte Herausforderung?

Dieter Overath: Baumwolle, Tee und Reis sind auf dem deutschen Markt keine boomenden Produkte. Die Reise hat uns Impulse gegeben, hier mit mehr Power auf den Handel und die Industrie zuzugehen. Das können genauso gut Hersteller- wie Handelsmarken sein, sehr gern auch in der Kombination mit Bio. Bei einem größeren Mengensegment wäre auch eine breitere Preisstruktur möglich.

Fairtrade muss ein sichtbarer Faktor werden, wie aktuell bei Rosen oder Kaffee. In den nächsten zwei Jahren wird Tee folgen, da bin ich mir sicher. Indien ist aber auch als potentieller Vermarktungspartner spannend, zumal bei einer Bevölkerung von 1,2 Milliarden die Mittelschicht wächst. Warum sollte in den IT-Firmen kein Fairtrade-Tee oder -Kaffee getrunken werden?“

bP: Was ist mit der Preishürde. Wäre es sinnvoll, den Fairtrade Aufschlag so zu bezahlen, dass er nicht in jeder Handelskalkulation wirksam würde und sich dadurch weniger stark auf die Endpreiskalkulatioon auswirkt?

Dieter Overath: Die Rohware fließt über unterschiedlich viele Wertschöpfungsstufen, wobei jeweils Kosten anfallen. Diese können nur entlang der Kette von der Rohware bis zum fertigen Produkt durchkalkuliert werden. Fairtrade handelt aber nach Spielregeln, wonach die Importeure vor Ort die Mindestpreise und Fairtrade-Prämien an die Produzenten direkt auszahlen.

Dies eventuell erst am Schluss zu machen, wäre wie eine Spende und entgegen dem Fairtrade-Prinzip. Bei weiterverarbeiteten Produkten wie Schokolade mit verschiedenen Zutaten wäre es auch logistisch schwierig. Mit viel Aufwand müssten dann kleinteilige Überweisungsprozesse initiiert werden. Bio-Aufschlä­ge werden ja auch direkt an den Erzeuger bezahlt und nicht am Schluss verrechnet. Bei entsprechenden Mengen und guter Logistik müssen die Produkte  trotz der Fairtrade-Prämie nicht übermäßig teurer sein.

bP: Hat „nur“ Fairtrade überhaupt eine Chance?

Dieter Overath: In unseren Fairtrade-Vorreiter-Nachbarländern England und Schweiz entwickelte sich der Erfolg ohne den Bio-Mehrwert. In Deutschland ist die Situation insofern anders, als der Bio-Gedanke schon früher verbreitet war. Wir sind aber das Land mit dem größten Bio & Fairtrade-Anteil, wenn auch nicht in der Menge. Ich bin hier für ein unverkrampftes Miteinander. Immerhin geht es letztendlich darum, wie sich für die Produzenten mehr erreichen lässt.“


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